Film | Der Vormund und sein Dichter

Der Vormund und sein Dichter
(SV 13535)

Regie: Percy Adlon

Robert Walser, geboren in Biel, Schweiz, am 15. April 1878, war von 1933 bis 1956 als chronisch Schizophrener in der Heilanstalt von Herisau in Appenzell-Ausserrhoden. Von 1936 an besuchte ihn dort zwei- bis dreimal im Jahr der Zürcher Kritiker, Herausgeber und Kunstfreund Carl Seelig zu einer Tageswanderung. Allerdings waren diese Spaziergänge nicht unbedingt erholsam. Schon allein das Tempo, in dem die beiden liefen, hatte Wettbewerbscharakter. Sie laufen bei jedem Wetter, klettern über Zäune, rutschen Abhänge hinunter, waten durch Tiefschnee und kehren an so einem Tag bis zu siebenmal in Gasthäusern ein. Im Jahr 1940 wurde Seelig ohne Walsers Kenntnis dessen Vormund.

Die Begegnung der beiden völlig verschiedenen Menschen sorgt für die dramatische Kraft. Der Kulturmensch Seelig will Mitteilungen aus der Welt der Kultur von einem, den die Kulturwelt zerbrochen hat. Das Gerangel zwischen dem Künstler und dem Kunstkenner ist nicht ohne Komik.

Percy Adlon nimmt Seeligs Erinnerungen »Wanderungen mit Robert Walser« als Vorlage für seinen Film und hinterfragt gleichzeitig dessen Darstellung seiner Treffen mit Walser. Die Schauspieler Rolf Illig (Walser) und Horst Raspe (Seelig) treten immer wieder aus den Spielszenen heraus und kommentieren ihren eigenen Text. Völlige Identifikation kippt und wird Distanz. Der Film wurde im Winter 1978 an den Originalschauplätzen gedreht und erhielt zwei Adolf-Grimme-Preise.

Extras

52-seitiges Bookelt: Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser (Auszüge); Percy Adlon: Der Regenschirm. Zur Entstehungsgeschichte des Films; Credits, Nachweise, Impressum

Credits
Buchvorlage (»Wanderungen mit Robert Walser«): Carl Seelig
Darsteller: Rolf Illig (Roberts Walser), Horst Raspe (Carl Seelig)
Kamera: Pitt Koch, Henning Stegmüller
Regie: Percy Adlon
Schnitt: Clara Fabry
Sprecher: Karin Anselm, Leo Bardischewski, Rainer Buck, Alois Maria Giani, Christian Marschall, Ingeborg Wutz
Ton: Christian Betz, Peter Jütte, Gerd Kusch, Willi Schwadorf
Weitere Ergebnisse der Personensuche: Robert Walser

Produktion: pelemele FILM GmbH im Auftrag des Bayerischen Rundfunks
Produktionsland: D
Produktionsjahr: 1978
Pressestimmen

»Adlon ist ein Ausnahme-Fernsehfilm gelungen, der 1978 zu Recht mit zwei Grimme-Preisen (für Drehbuch/Regie und den Walser-Darsteller) ausgezeichnet wurde. Lobenswert an dieser Suhrkamp-Edition ist auch das knapp 50-seitige Booklet zum Film. Es enthält nicht nur Auszüge aus Seeligs Buch, nach denen gedreht wurde; es besticht auch durch einen bisher unveröffentlichten Aufsatz von Percy Adlon zur Entstehungsgeschichte des Films.

Darin legt Adlon dar, dass er „kein übliches Porträt machen wollte“. Vielmehr arbeitete er sich durch Seeligs Buch und entdeckte für sich, „daß es sich hier um zwei Männer handelt, die sich nichts zu sagen haben. Walser wollte laufen und möglichst oft essen. Seelig wollte der alleinige Robert-Walser-Vertraute, Experte und Verwalter werden.“ Aus dieser ungleichen Konstellation der beiden Wanderer kreiert Adlon einen vordergründig dokumentarischen Film, in dem die beiden Darsteller aber nicht nur Walsers und Seeligs Dialoge, so wie sie Seeligs Buch der Nachwelt überliefert hat, szenisch nachsprechen, sondern auch aus ihren Rollen heraustreten – indem sie sich an den Zuschauer direkt wenden. „Ich glaube, daß Walser das gemocht hätte. Er mochte Rollenspiele. Er ‚foppte‘ den Leser gern“, notiert Adlon im Booklet. Rolf Illig spielt Robert Walser, so mutmaßlich walserisch, dass man alle Elemente, die man als Leser aus Walsers Prosa kennt, in schierer Mimik und Gestik wiederzuerkennen glaubt. Am verwegensten vielleicht in der Szene mit den Blutorangen am Bahngleis. Seelig steigt nach einem erfüllten Wandertag in den Zug nach Zürich, und Illigs Walser spielt Schlussleuchte.« literaturkritik.de, Juni 2013
Auszeichnungen

Ausgezeichnet mit zwei Adolf-Grimme-Preisen: »Bester Autor/Beste Regie« für Percy Adlon, »Bester Darsteller «für Rolf Illig als Robert Walser

DVD
lieferbar
€ 19,90


Best. Nr.: 578
ISBN: 978-3-89848-578-4
EAN: 978-3-89848-578-4
FSK: Infoprogramm
Vertriebsgebiet: D, A, CH

Länge: 89
Bild: PAL, Farbe
Ton: Mono
Sprache: Deutsch
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Edition: filmedition suhrkamp
Reihe: fes
Rubrik: Spielfilm
Genre: Biografie/Porträt


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