Film | BIOLOGIE! - Bonusfilm: ABSCHIEDSDISCO von Rolf Losansky

BIOLOGIE! - Bonusfilm: ABSCHIEDSDISCO von Rolf Losansky


Regie: Jörg Foth

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Zwei übersehene Meisterwerke des DEFA Jugendfilms aus der Wendezeit auf einer DVD!
Zugleich Stefanie Stappenbeck in ihrer ersten großen Kinorolle:

Bei einer Schulexkursion entdeckt die 15-jährige Ulla in einem Landschaftsschutzgebiet eine im Bau befindliche Datscha und eine Forellenzucht – beides ganz offensichtlich ungenehmigt. Die Spur nach dem Verursacher führt zu einem einflussreichen Kader und seinem Computer begeisterten Sohn. Während sich die Jugendlichen für den Natur- und Artenschutz einsetzen, stoßen sie bei den Erwachsenen auf wenig Verständnis für ihr Anliegen.

BIOLOGIE! wurde im Spätsommer/Frühherbst 1989 gedreht, nachdem die Adaption des Buches “Die Wasseramsel” des Schriftstellers und Naturfotografen Wolf Spillner mehrfach abgelehnt wurde. Der Film nimmt das vorweg, was heute als „Fridays for future“ Geschichte schreibt.

Der Bonusfilm ABSCHIEDSDISCO von Rolf Losansky greift mit starken, symbolhaften Bildern den Verlust von Heimat durch den Braunkohleabbau und der ersten großen Liebe auf.

BIOLOGIE!
DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe „Babelsberg“, 1990
Regie: Jörg Foth
Szenarium: Gabriele Kotte, Wolfgang Müller
Literarische Vorlage: Roman “Die Wasseramsel” von Wolf Spillner
Kamera: Michael Göthe
Schnitt: Haike Brauer
Ton: Günter Witt, Günter Springer
Musik: Christoph Theusner
Dramaturgie: Erika Richter
Produktion: Alexander Gehrke
Darsteller:
Stefanie Stappenbeck, Cornelius Schulz, Uta Reckzeh, Robert Arnold, Carl Heinz Choynski, Katrin Klein, Peter Prager, Heide Kipp, Horst Rehberg, Axel Werner u.a.
DEFA-Fotograf: Dieter Jaeger
Copyright: DEFA-Studio für Spielfilme 1990 © DEFA-Stiftung. All rights reserved.
FFA-Förderprogramm Filmerbe (Förderung Digitalisierung)

Im letzten Schuljahr an der Oberschule unternimmt die 15-jährige Ulla gemeinsam mit ihrer Klasse und ihrem Lehrer eine Exkursion ins Landschaftsschutzgebiet. Dabei entdeckt sie, dass dort eine Datsche gebaut und eine Forellenzucht betrieben wird. In dem Mädchen regt sich Widerstand. Sie ist nicht bereit, die Eingriffe in die Natur hinzunehmen und setzt für ihre Ideale die eigene Zukunft bedingungslos aufs Spiel. Während sich viele Jugendliche für Natur- und Artenschutz einsetzen, stößt ihr Engagement in der Erwachsenengeneration weitgehend auf Unverständnis. Wenn Ulla ihrer Mutter energisch entgegenruft: „Sollen wir denn einfach zusehen, wie unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles in die Binsen geht?“, hat das durchaus Parallelen zur schwedischen Schülerin Greta Thunberg, die rund dreißig Jahre nach der Filmpremiere von Biologie! mit ihrem Schulstreik fürs Klima und der daraus hervorgehenden Fridays for Future-Bewegung weltweit für Aufsehen sorgt.

Biologie! ist jedoch nicht nur ein Plädoyer für den Umweltschutz, sondern auch eine Teenager-Liebesgeschichte. Ulla verliebt sich in den computerbegeisterten Winfried, den Sohn der Familie Tübner, die im Landschaftsschutzgebiet baut. Unter Ullas Einfluss beginnt auch er gegen die Elterngeneration zu rebellieren. „Du redest doch alle tot mit deinen ewig geschliffenen Reden. Ich kann das nicht mehr hören. Eure Augenauswischerei – Sie kotzt mich an!“, wirft er seinem Vater an den Kopf und stellt sich damit auf die Seite der jungen Umweltschützerin.

Hauptdarstellerin Stefanie Stappenbeck begann bereits als Schülerin mit der Schauspielerei. Ihr Debüt feierte die 1974 in Potsdam Geborene 1986 in der Fernsehproduktion Der Elterntauschladen (R: Carl-Hermann Risse). Zwei Jahre später spielte sie die Anette im weihnachtlichen TV-Kultfilm Die Weihnachtsgans Auguste (R: Bodo Fürneisen). Die Rolle der Ulla in Biologie! war ihr erstes Engagement in einem Kinofilm. In den Erwachsenenrollen wirken bekannte Gesichter der DEFA mit, u.a. Carl Heinz Choynski als Lehrer Hansen; weiterhin Peter Prager, Heide Kipp und André Hennicke. In Cameo-Auftritten sind Dokumentarfilmregisseurin Helke Misselwitz und Dramaturgin Erika Richter zu sehen.

Biologie! basiert auf der literarischen Vorlage Die Wasseramsel des Schriftstellers und Naturfotografen Wolf Spillner. Eine Verfilmung wurde bereits ab 1982 bei der DEFA diskutiert, jedoch mehrfach zurückgewiesen. Im Februar 1989 lehnte Generaldirektor Hans Dieter Mäde den Stoff ein letztes Mal ab. Nachdem Mäde – offiziell aus gesundheitlichen Gründen – seine Leitungsaufgaben nicht mehr wahrnahm, entstand ein Entscheidungsvakuum, in dessen Folge auch die Wasseramsel-Adaption 1989 noch bewilligt wurde.

Regisseur Jörg Foth (* 1949) hatte die DEFA nach Auslaufen seines Nachwuchsvertrags zum 1. Januar 1989 eigentlich bereits enttäuscht verlassen, um sich dem Theater zu widmen. Ihm war nach seinem Debütfilm Das Eismeer ruft (1983) lange Zeit kein eigenes Spielfilmprojekt anvertraut worden. Die von ihm gemeinsam mit Regisseur Tran Vu realisierte Co-Produktion der DEFA mit Vietnam, Dschungelzeit (1987), verschwand nach wenigen Tagen aus den Kinos, nachdem sich die Vietnamesen von dem Projekt distanziert hatten. Erika Richter überzeugte Foth im Frühjahr 1989 zur Rückkehr, um Die Wasseramsel zu verfilmen. Die Dreharbeiten in Brandenburg begannen am 16. August und endeten am 1. November 1989 wenige Tage vor dem Mauerfall. Die tagesaktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Herbst 1989 drängten die thematische Brisanz des Films, der die Wendeereignisse nahezu unbeachtet lässt, zurück. Biologie! wurde kaum in den Kinos gezeigt. Renate Kruppa schrieb am 22. September 1990 nach der offiziellen Filmpremiere im Kammerkino Schwerin in der Schweriner Volkszeitung: „Noch vor einem Jahr wäre der kritische Streifen sicher eine Sensation gewesen, heute erscheint er wie ein Traum von gestern.“

Die Band, die im Film auf der Messe der Meister von morgen (MMM) mit dem Lied „Langeweile“ der Gruppe Pankow auftritt und sich für Biologie! The Breads nannte, besteht im Kern aus den Mitgliedern einer in den 1990er Jahren unter dem Namen The Inchtabokatables bekannten Berliner Band. Geiger und Sänger der Gruppe waren bereits in Jörg Foths DEFA-Dokumentarfilm Ach du jeh – Ein Hans Dampf und Wurst Dokument (1989) zu sehen. Biologie! zeigt weiterhin einen Ausschnitt des DEFA-Augenzeugen 24/1950, in dem der 1988 verstorbene britische Journalist John Scott Peet prophezeit: „Einmal wird die Zeit kommen, wo alle Journalisten ehrlich und anständige Menschen sein können, statt wie heutzutage die Füllfeder der Kriegshetze.“ Peet war 1950 in die DDR übergesiedelt und dort zunächst mehr als zwei Jahrzehnte Chefredakteur des Democratic German Report. 1975 wurde die Zeitschrift, die sich zunehmend DDR-kritisch äußerte, auf politische Weisung eingestellt und Peet ging in den Ruhestand.
Philip Zengel

Bonusfilm
ABSCHIEDSDISCO
DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe „Berlin“, 1989
Regie und Drehbuch: Rolf Losansky
Szenarium: Joachim Nowotny
Literarische Vorglage: Erzählung „Abschiedsdisco“ von Joachim Nowotny
Kamera: Helmut Grewald
Schnitt: Ilona Thiel
Ton: Brigitte Pradel, Wolfgang Großmann
Musik: Reinhard Lakomy
Dramaturgie: Werner Beck
Produktion: Harald Fischer
Darsteller:
Holger Kubisch, Dana Brauer, Susanne Saewert, Horst Schulze, Jaecki Schwarz, Ellen Hellwig, Fritz Marquardt, Daniela Hoffmann, Annelise Matschulat, Wolfgang Winkler u.a.
DEFA-Fotograf: Rigo Dommel
Copyright: DEFA-Studio für Spielfilme 1989 © DEFA-Stiftung. All rights reserved.
FFA-Förderung (Förderung Digitalisierung)

„Euch wird die Luft knapp werden, wenn Eure Zeit gekommen ist“, mahnt ein alter Kauz den 15-jährigen Hauptprotagonisten Henning, der den Unfalltod seiner Freundin Silke verarbeiten muss und zeitgleich feststellt, wie die Heimat seiner Vorfahren vor seinen Augen der Braunkohleförderung geopfert wird. Umstürzende Bäume stehen in der Produktion, die sich einer symbolhaften Filmsprache bedient, sinnbildlich für die verschwindenden Erinnerungen an eine vergangene Zeit.

Gleich zu Beginn des Films stoppt Hennings Vater, der im Zuge der Kohleförderung für die notwenigen Räumungen der betroffenen Ortschaften zuständig ist, eine Discoveranstaltung der Dorfjugend und beendet damit eine Zeit der Unbekümmertheit. Henning beginnt zu reflektieren, wird kritischer, wehrt sich gegen das Verdrängen und begehrt auf. „Man muss nicht immer machen, was die Alten für richtig erklären“, stellt er im Verlauf des Films fest und fragt seinen Vater: „Machen wir unsere Welt nicht kaputt?“ Henning steht damit exemplarisch für eine DDR-Jugend, die sich ihre Zukunft in den 1980er-Jahren nicht mehr diktieren lassen möchte. Abschied – von der ersten Liebe, der vertrauten Heimat, der unbeschwerten Jugend – lautet das zentrale Motiv dieses Rolf-Losansky-Films.
Abschiedsdisco zeigt das fiktive sterbende Dorf Wussina (aus dem Wendischen für Wildnis) und die verschwindende malerische Natur in dessen Umgebung. Wussina fungiert als Sinnbild für die vielen im Zuge des DDR-Braunkohletagebaus abgebaggerten Ortschaften. Der Film weist auf die ökologischen und sozialen Folgen der Energiepolitik hin. Eine Problematik, die in dem sozialistischen Staat nur sehr vorsichtig bis gar nicht thematisiert wurde. Über den Zeitraum eines knappen Jahrzehnts konnte die gleichnamige literarische Vorlage von Joachim Nowotny nicht verfilmt werden. Bereits 1981 wurde das Filmszenarium diskutiert und zurückgewiesen, die folgende Überarbeitung wurde 1983 erneut abgelehnt. Die Stellungnahme der HV Film zum Rohdrehbuch 1986 schließt mit den Worten: „Es wird eine Änderung der Arbeitskonzeption empfohlen, bevor weitere Bearbeitungsschritte eingeleitet werden. Sollte eine solche Änderung nicht möglich sein, muss von staatlicher Seite die Einstellung der Arbeit an diesem Stoff durch Weisung herbeigeführt werden.“ 1989 darf das Projekt doch realisiert werden.
Die Dreharbeiten fanden unter anderem in der Ortschaft Werbelin bei Delitzsch statt. Mehrfach ist die markante Dorfkirche im Film zu sehen. Der – aufgrund der für die Region einmaligen kreisförmigen Häuseranordnung um den Dorfplatz – unter Denkmalschutz stehende Ort wurde 1992 begleitet von großen Protesten abgebaggert, obwohl die Stilllegung des Tagebaus Delitzsch-Südwest bereits beschlossene Sache war. Weitere Aufnahmen entstanden in den ebenfalls devastierten Orten Schladitz und Breunsdorf. Die Premiere erfolgte am 5. April 1990 im Berliner Kino International. Der Stoff, der in den 1980er-Jahren in der DDR vermutlich zu vielen Diskussionen angeregt hätte, büßte nach dem Mauerfall an Schlagkraft ein und findet kaum Publikum.
Für Laiendarsteller Holger Kubisch bleibt die Rolle des Henning Handschuh das einzige Filmengagement. In weiteren Rollen sind unter anderem die in den 1990er- und 2000er-Jahren als Hallenser Polizeiruf-Kommissare populären Schauspieler Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler zu sehen. Abschiedsdisco ist bis in die Nebenrollen prominent besetzt. So spielen bekannte Darsteller wie Horst Schulze und Gerhard Rachold. Für Rachold, der in mehreren Losansky-Filmen kleine Rollen übernahm, ist es nach einer mehr als 30-jährigen künstlerischen Laufbahn der letzte Filmauftritt. Der bekannte Komponist Reinhard Lakomy (u.a. „Der Traumzauberbaum“) zeichnete für die Filmmusik verantwortlich. Auffallend ist die Verwendung der New-Wave-Songs „Faces“ und „Fee der Nacht“ der Gruppe Datzu um die Greifswalder Sängerin Anett Kölpin aus dem 1989 bei Amiga erschienen Album „Bist du noch wach?“
Regisseur Rolf Losansky (1931–2016) inszenierte von 1963 bis 1992 insgesamt 17 Spielfilme bei der DEFA, die sich vornehmlich an ein junges Publikum richten. Das ihm gewidmete und von Hans-Dieter Tok verfasste Kapitel in dem von Rolf Richter 1981 herausgegeben Band „DEFA-Spielfilm-Regisseure und ihre Kritiker“ trägt die Überschrift „Von der Schönheit und Schwierigkeit erwachsen zu werden und erwachsen zu sein“. Der Titel zollt der Tatsache Tribut, dass es Losansky über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten gelungen war, Probleme und Herausforderungen der heranwachsenden Generationen filmisch aufzugreifen, ohne dabei auf eine unterhaltende Erzählung zu verzichten. „Ich will den Unterricht vom Vormittag nicht am Nachmittag mit meinen Filmen fortsetzen“, sagte der Regisseur in einem 2002 für die DEFA-Stiftung geführten Zeitzeugengespräch. Zu den bekanntesten Werken des Regisseurs zählen Moritz in der Litfaßsäule (1983), Weiße Wolke Carolin (1984) und Das Schulgespenst (1986). Mit …verdammt ich bin erwachsen verfilmte Losansky 1974 schon einmal eine literarische Vorlage von Joachim Nowotny. Mit dem Ende der DEFA waren seine filmischen Ideen kaum mehr gefragt, und ihm gelangen nur noch wenige Filmprojekte.
Philip Zengel

Wurzelsuche – Vermittelt durch Filme ein verschwundenes Land entdecken
Von Klaus-Dieter Felsmann

Sich mit Geschichte zu beschäftigen heißt, Vorgänge der Vergangenheit zu deuten, ihrer zu gedenken und sich über den Charakter des zeitlichen Wandels klar zu werden. In der Konsequenz geht es dabei darum, sich Erkenntnisse über die Auswirkungen historischer Prozesse auf die eigene Gegenwart und darüber hinaus auf zukünftige Entwicklungen zu verschaffen.
Die Auseinandersetzung mit Geschichte findet dabei immer unter dem Blickwinkel eigener Lebenssichten statt. In der Folge können sich sehr unterschiedliche Perspektiven auf historische Abläufe ergeben. Oft lassen sich diese nur schwer vereinbaren. Wichtig ist aber gerade unter dem Aspekt eines gegenwärtigen gesellschaftlichen Gelingens, dass man konträre Auffassungen verstehen und einordnen kann. Dabei sollte idealerweise in der Diskussion bezüglich unterschiedlicher Interpretationen eine gemeinsame weiterreichende Einsicht gefunden werden.

Die DDR als Objekt vielfältiger Deutungen
Hinsichtlich der jüngeren deutschen Zeitgeschichte haben sich in den dreißig Jahren nach der Wiedervereinigung sehr unterschiedliche Interpretationen und Erzählungen gegenüber jenem gesellschaftlichen Konstrukt verfestigt, das zwischen 1949 und 1990 östlich der Elbe als eigenständiger Staat – DDR – existierte.
Der Verleger und Bürgerrechtler Klaus Wolfram meinte 2019 auf einer Veranstaltung der Berliner Akademie der Künste, das Problem sei, dass nach 1989 aus einer ostdeutschen Generaldebatte ein westdeutsches Selbstgespräch über Ostdeutsche geworden wäre. Das ist sicher eine zugespitzte Meinung, der man in der Absolutheit nicht zustimmen muss, doch sie macht sehr deutlich auf einen real vorhandenen Dissens aufmerksam. Das bestätigt auf andere Weise auch der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe, der bereits 2011 in einer in New York erschienenen Publikation herausgearbeitet hatte, dass in deutschen Medien DDR-Geschichte vorwiegend aus westdeutscher Perspektive beschrieben werde. Dadurch sei eine gesamte nach dem Mauerfall geborene Generation geprägt worden. Vielfach führt das für die Betroffenen zu Konflikten, weil Eltern und Großeltern mit ganz anderen Erzählungen aufwarten.

Konträre mediale Deutungen
2006 drehte Florian Henckel von Donnersmarck mit „Das Leben der Anderen“ einen Film, in dessen Mittelpunkt ein Stasispitzel steht. Das war ein bemerkenswertes Drama über die Themen Verrat, Opportunismus und eine vormundschaftliche Gesellschaft. Weil aber der Westdeutsche Donnersmarck und ein Teil der Kritik meinten, damit hätten sie eine Blaupause für die DDR-Gesellschaft geschaffen, schlug ihnen von östlich sozialisierten Künstlern und Intellektuellen heftige Kritik entgegen. Man warf dem Film das Bedienen billigster Klischees vor. Im Gegensatz dazu erzählte der Ostdeutsche Leander Haußmann 1999 in „Sonnenallee“ detailgenau und auf komische Weise über eine DDR, in der zwar Schüsse an der Mauer und Stasispitzel gab, ansonsten das Leben aber ausgesprochen gemütlich schien. Der Film wurde von den einen als Verharmlosung der Diktatur gesehen, von der Mehrheit im Osten jedoch als Bestätigung dafür, dass ihr privater Alltag letztendlich doch nicht so dürftig war. Als verlässliche Quelle für konkrete historische Abläufe ist auch dieser Film nur bedingt tauglich. Beide Filme zeigen einen interessanten Blick auf die Geschichte. Gleichzeitig sind sie in erster Linie subjektive, vielleicht sogar interessengeleitete, rückblickende Interpretation.

Der Blick von innen
Filme sind sowohl Kunst und Unterhaltung als auch Ausdruck ihrer Zeit. So hat es der Filmsoziologe Siegfried Kracauer herausgearbeitet. Insofern erscheint es lohnenswert, wenn man unmittelbar etwas über eine Zeit wissen will, sich mit Filmen aus dieser Zeit zu beschäftigen. Hier gibt es zwar wie in jedem Kunstwerk auch eine Interpretation, doch die erfolgte durch Filmemacher, die selbst aus der Zeit heraus dachten, über die sie erzählen. Insofern sind nicht nur die Filme selbst Zeitdokument, sondern auch die Art und Weise, wie über die vormalige Gegenwart erzählt wird. Unter dem Motto „DEFA-Wendejugend“ finden sich in der vorliegenden Edition sechs Filme, die nicht nur in authentischer Form Bilder einer verflossenen Gesellschaft vermitteln, sondern die unmittelbar dazu anregen, eigene Haltungen und Lebenssichten mit denen einer früheren Generation in Beziehung zu setzen. Welche Ideale und Träume werden formuliert, auf welche objektiven und subjektiven Widerstände stoßen diese und welche Konfliktlösungsmuster werden artikuliert. Inwiefern wirken die Fragen in die heutige Zeit hinein, wo sind sie veraltet, wo sind sie aktuell und wodurch unterscheiden sich gesellschaftliche Strukturen, wenn es darum geht, mit den Konflikten umzugehen?

Filmsehen als aktiver Vorgang
Der Pädagoge Adolf Reichwein, der 1944 von den Nationalsozialisten ermordet worden ist, war bereits in einer sehr frühen Phase der Filmgeschichte davon überzeugt, dass Filme eine hervorragende Anregung sein können, um junge Menschen zum Selbstdenken zu motivieren. Insofern sollten Inhalte nicht als fertige Mahlzeiten vorgesetzt werden, sondern als Impuls zum Mitdenken, Forschen und Vergleichen mit der eigenen Umwelt. Der Rezipient folgt nicht nur passiv den Bildern, sondern er interpretiert den Film symbolisch in Bezug auf seine Umwelt. Filme ergänzen das, was unmittelbar nicht erlebt werden kann. Sie bereichern insofern unser Wissen hinsichtlich anderer Kulturen genauso, wie gegenüber der Geschichte. Allerdings, so meint Reichwein, gehe es nicht zuerst darum, die Materie kognitiv zu durchdringen, sondern sie emotional zu erleben. Die vorliegenden Filme, in denen jeweils jugendliche Protagonisten im Mittelpunkt stehen, ermöglichen diesbezüglich gerade für Heranwachsende interessante Anknüpfungspunkte.

Themenschwerpunkte für die Bildungsarbeit

Jugendzeit
In allen Filmen der vorliegenden Edition stehen Jugendliche im Zentrum der Handlung. Sie repräsentieren somit eine Generation, die heute, dreißig Jahre später, zu den prägenden gesellschaftlichen Persönlichkeiten gehören. Das belegen nicht nur viele der Schauspielerinnen und Schauspieler, die seinerzeit erstmals in diesen Spielfilmen auftraten, sondern das gilt für alle Lebensbereiche, ganz gleich in welcher Region Deutschlands.
Von daher bieten die Filme interessante Einblicke hinsichtlich der Ideale, der Probleme und der Lebensformen, durch die diese Jugendlichen sozialisiert wurden.
Welche Ziele verfolgen die Protagonisten?
Wie verlief die Suche nach Identität und Orientierung?
Welche Widerstände galt es zu überwinden? Auf welchem Weg konnte das geschehen? Woran scheiterten Lebensträume?
Welche Bildungschancen gab es? Worin bestanden berufliche Perspektiven?
Wodurch zeichnen sich die sozialen Strukturen innerhalb der Jugendgruppen aus?
Was erzählen die Filme über Generationskonflikte?

Lebensräume
Die Spielfilme der DEFA konnten zwar nicht alle gesellschaftlichen Konfliktfelder aufgreifen, doch sie bemühten sich auf der Bildebene um eine große soziale Genauigkeit. Das was der Zuschauer zu sehen bekam, sollte hinsichtlich der sozialen Genauigkeit als authentisch wahrgenommen werden. Mit Ausnahme von „Banale Tage“, wo es einen Rückblick in die 1970er Jahre gibt, zeichnen alle Filme DDR-Alltag zum Ende der 1980er Jahre.
Welche Lebens- und Wohnverhältnisse zeigen die Filme?
Welche Eindrücke vermitteln die Ansichten von Städten und Dörfern?
Welche Rolle spielen Bildung und Kultur?
Was wird hinsichtlich der Konsumwelt deutlich?
Welchen Stellenwert nahm die Arbeit ein? Was wird über die Arbeitswelt vermittelt?
Welche Vergnügungen und Genüsse waren den Menschen wichtig?
Welch Sozialstrukturen werden in den Filmen deutlich?
Wie verhält sich die Elterngeneration gegenüber staatlicher Bevormundung?

Umwelt
Die DDR verstand sich als ein Industriestaat. Umweltprobleme wurden in diesem Kontext gern verdrängt. Von daher konnten solche Fragen auch erst in der Endzeit dieses Staates direkt in DEFA-Spielfilmen angesprochen werden.
Wie zeigt sich in den Filmen der Widerspruch zwischen Produktion und Umwelt?
Welche Motive haben die Jugendlichen, sich für die Umwelt einzusetzen?
Welcher Symbolwert wird seltenen Tieren und insbesondere Bäumen zugeschrieben?

Liebe und Zärtlichkeit
Die Liebe ist ein zentrales Thema innerhalb der gesamten Filmgeschichte. So auch bei der DEFA. Bei den vorliegenden Jugendfilmen geht es naturgemäß um jeweils erste Erfahrungen einer intensiven Beziehung.
Wie werden die Liebesbeziehungen in den Filmen motiviert und dargestellt?
Wie verändern erste Liebeserfahrungen die Persönlichkeiten der Protagonisten?
Welche Voraussetzungen werden für Erfüllung oder Scheitern von Liebe deutlich?
Die Filme gehen unbefangen mit der Darstellung von Nacktheit um. Welche Funktion hat dies innerhalb der Filmgeschichten?
Wodurch ist der Wandel begründet, dass es in heutigen Jugendfilmen kaum noch Nacktheit gibt?

Fernweh und Nähe
Erwachsenwerden hat mit Aufbruch zu tun. Dieses Thema spielt in allen Filmen der Edition eine zentrale Rolle.
Wodurch wird Aufbruchssehnsucht in den Filmen motiviert?
Worin zeigt sich, dass Fernweh in der DDR nur eingeschränkt Erfüllung finden konnte?
Wie steht in den Filmen der Aufbruchswillen mit der Vorstellung von Heimat in Beziehung? Was heißt diesbezüglich „Wurzelsuche“?

Extras

Bonusfilm: ABSCHIEDSDISCO von Rolf Losansky

Credits
Darsteller: Stefanie Stappenbeck
Regie: Jörg Foth

Produktionsland: DDR
Produktionsjahr: 1990
DVD
lieferbar
€ 9,90


Best. Nr.: 7048
ISBN: 978-3-8488-7048-6
EAN: 978-3-8488-7048-6
FSK: 6

Länge: 89
Bild: PAL, Farbe
Ton: Dolby Stereo
Sprache: Deutsch
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Edition: Defa-Stiftung
Reihe: DEFA Wendejugend
Rubrik: Spielfilm
Genre: Kinder/Jugendfilm


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