Film | Faust Sonnengesang II + III

Faust Sonnengesang II + III

Regie: Werner Fritsch

Mit Faust Sonnengesang II und III setzt Werner Fritsch seine filmischen Erkundungsreisen in den Welten zwischen Bild und Sprache fort. Die faustische Suche nach dem Augenblick, der doch verweilen solle, wird bei ihm zu einer assoziativen Reise in nahe und ferne Regionen, in die jüngste und fernste Vergangenheit.
Der zweite Teil seines Filmgedichts hat Europa zum Mittelpunkt. Am Anfang steht die tragische Familiengeschichte des Autors als exemplarisch für die deutsche Geschichte im vergangenen Jahrhundert. Sodann sehen wir das jeweils unterschiedliche Licht in den Ländern Europas, wir stoßen auf älteste Zeichen und hören Stimmen, die dem Kontinent geistige Kontur gegeben haben. Der dritte Teil ist ein Roadmovie: Eine Durchquerung des amerikanischen Kontinents voller Erinnerungen an amerikanische Bilder, Songs und Literatur, die unser Leben von Jugend auf prägen. Wildwest-Filme, Serien, Lektüreeindrücke sowie die Begegnung mit einem Navajo-Schamanen im Monument Valley bilden den Hintergrund dieses opulenten und betörenden Klang- und Bilderrausches.

Werner Fritsch, geboren 1960, ist Schriftsteller und Regisseur. Seine Stücke wurden auf der Bühne, für den Rundfunk und fürs Kino realisiert. 1987 erschien sein vielbeachteter Roman Cherubim. Seine Arbeiten wurden u. a. mit dem Robert-Walser-Preis, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden und dem Else-Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnet. Für sein Filmgedicht Faust Sonnengesang I erhielt er 2013 den Grand Prix Marulić und den Grand Prix Nova.

DIRECTOR´S NOTE
Wie entkommen wir den Bildern der Tragödie, die uns seit Jahrtausenden beherrschen? Was passiert, wenn ein anderes Sehen andere Bilder in den Köpfen der Zuschauer hervorruft? Wenn ein polymediales Archiv entsteht für Augenblicke, zu deren jedem man sagen will: Verweile doch, du bist so schön…
Dieses Filmgedicht kehrt Goethes Formel um und öffnet den Faust-Stoff im Zeichen der Aufklärung, deren Symbol ja die Sonne ist. Außerdem bezieht sich Faust Sonnengesang auf den Sonnenhymnus des Pharaos Echnaton, auf jene erste Hymne des Jetzt, in der die Sonne als Symbol allumfassender, lebensspendender Kraft erscheint. Bildlich gesprochen und wörtlich genommen gleicht dieses Filmgedicht einer Faust, die sich öffnet: jeder Finger entspricht einem Kontinent, jeder Finger nimmt Kontakt zu einem Kontinent auf. Faust Sonnengesang ist der Versuch, noch einmal – wider die herrschende Vernunft – so etwas wie eine humane Vision – zuwenigst geglückter Augenblicke – zu behaupten. Wenn man so will, ist Faust Sonnengesang ein Gegenentwurf zur Globalisierung: statt fremde Kulturen mit den eigenen Bildern zu überschreiben, ruft das Filmgedicht aus fremden Kulturen und ihrer Natur ureigene Bilder herauf, die im Kopf des Zuschauers durch ihr Zusammentreffen auf dialogische = gleichberechtigte Weise ein vom Bisherigen abweichendes Bild der Welt kreieren. So wie Faust Sonnengesang ein Gegen-Entwurf zur Globalisierung als Überschreibung fremder Kulturen ist, so ist das Filmgedicht visuell ein Gegen-Entwurf zu der Spannungs- Dramaturgie Hollywoods und den Bildern aus dem Arsenal von Tod, Tragödie, Gewalt, Krieg, Katastrophen und es ist ein Gegen-Entwurf zum Keulenschlag tödlicher Nachrichten, der uns Tag und Nacht erreicht. So besteht der Haupt-Konflikt in Faust Sonnengesang aus Bildern, die im Feuerstrom des Vergessens untergehen, und Bildern, die aus dem Fluß der Erinnerung emporsteigen.
Ein Weg, der Eineindeutigkeit und Eindimensionalität der in den Medien abgebildeten Welt zu entkommen, ist der eigens für diesen Faust-Film kreierte visuelle Haupt-Faktor, die Faust-Keil Technik. Die Kamera wird gehandhabt wie ein Faust-Keil, der bereits als Gestus 40 000 Jahre überbrückt. Auf diese Weise entstehen Bilder, die weder statisch die Welt wiedergeben noch
Bilder, die nur abstrakt, also computergeneriert, sind, sondern es entstehen Bilder, die bereits in der Kamera durch die Faust-Keil- Bewegungen die „reale Welt“ in neuer Gestalt erscheinen lassen: die Gegenstände werden aus vielen Perspektiven gezeigt, das Sehen wird körperlich. Wort und Bild sind in diesem Filmgedicht neu in Alchemie: durch ihr Sich-Verbinden und Sich- Durchdringen und ihr gegenseitiges Sich-Erzeugen rufen sie im Kopf des Zuschauers dritte Bilder hervor: eigene!
Dem Lauf der Sonne entsprechen die 24 Stunden der Gesamtfilmdauer. Teil I des Filmgedichts Faust Sonnengesang ist die Ouvertüre – und bereits mehrfach ausgestrahlt sowie als DVD erschienen. Teil II hat das – durch all die verbindenden Kontakte zu den anderen Kontinenten bereicherte – Europa im Mittelpunkt. Im Anfang steht die tragische Familiengeschichte des Autors exemplarisch für die deutsche Geschichte im vergangenen Jahrhundert. Sie gipfelt in der Frage: Wie entkommen wir den Bildern des Leidens und des Martyriums, wie den Bildern der Apokalypse rings ums? Mephisto erscheint als Dante und weist den Weg ins Reich der Mütter, wo Demeter die Geschichte von der Entführung ihrer Tochter Persephone durch Hades erzählt. Mephista erscheint als Prinzessin Europa und klagt von ihrer Entführung durch Zeus… Wir sehen das jeweils unterschiedliche Licht in den Ländern Europas, wir stoßen auf älteste Zeichen in Spanien, Frankreich, Griechenland, in Italien und am Schwarzen Meer, wir hören Stimmen, die dem Kontinent geistige Kontur gegeben haben: unter anderen die Stimme Heraklits und die von Empedokles…
Der Faust des Filmgedichts streicht im Dialog mit Goethe den Unterschied zu dessen Faust-Figur heraus. Er sagt zum Augenblick: Verweile doch, du bist so schön…
Ovid, Giordano Bruno, Nietzsche werden als Kronzeugen eines Denkens, das in stetigem Fluß ist, beschworen… Faust und Mechthild von Magdeburg sprechen wie Liebende, über Jahrhunderte hinweg…
Die Stimme der deutschstämmigen Rock-Ikone Nico, einer Persephone unserer Zeit, bringt uns in die Gegenwart zurück… Eine Brücke tut sich auf zum nahen und fernen Orient: die Stimme Omar Khayyams oder die Rumis oder die von Hafiz, dessen Grab wir sehen, ist zu hören im Dialog mit der jungen Muse der Poesie… Schließlich wird Faust verwandelt in Gilgamesch und trifft die Göttin Ischtar. Er erkennt, dass die Hymnen auf den Gott seiner Kindheit ursprünglich Hymnen waren auf Ischtar. Am Schluß des Filmes steht Faust, flankiert von Mephista und Mephisto, am Ufer des Atlantiks und ahnt Amerika…
Aktuell in Arbeit ist nun FAUST SONNENGESANG IV, der Kontinent Asien steht im Fokus. Wiewohl jeder Teil mit allen sieben anderen Teilen aufs engste zusammenhängt, kann auch jeder Teil für sich stehen, zumal in jedem Teil durch die mannigfachen Querbezüge alles in nuce zugegen ist… Der IV. Teil hat Asien zum Schwerpunkt. Der V. Teil Australien, der VI. Teil Afrika, der VII. Teil das Sonnengesang-Archiv: so wird dieses Filmgedicht und die Faust-Figur um Träume und Sehnsüchte anderer Menschen erweitert. Der VIII. Teil wird ein Finale sein, das die Fäden der Ouvertüre und aller anderen Teile aufnimmt und das Filmgedicht- gleichsam Weltgedicht werden lässt: in Gestalt eines Archivs glücklicher Augenblicke, die sich zur Ewigkeits-Schleife schließen… Ausgelöst durch einen Unfall, in einem Augenblick zwischen Leben und Tod, läuft der Traum unseres Lebens und das
Leben unserer Träume als Film vor unseren Augen ab: Was will man sehen? Was fürchtet man zu sehen? Was träumt man zu sehen? “Faust Sonnengesang” ist der Versuch, den deutschen “Faust Stoff zur Welt hin zu öffnen. Bildlich gesprochen und wörtlich genommen gleicht jeder Finger dieser geöffneten Faust einem Kontinent – und einem Medium. In der Hauptsache ist “Faust Sonnengesang” ein auf 24 Stunden angelegtes Filmgedicht, das den Lauf der Sonne durch alle fünf Kontinente, viele Kulturen und den eigenen Kopf imaginiert. Bilder und Töne der Gegenwart werden in poetische Alchemie gebracht mit den ältesten Bildern und Texten des jeweiligen Kontinents. Mephisto und Mephista erscheinen in vielfacher Gestalt, sprechen mit immer anderen Stimmen, führen Faust weit über sein Ich, seine Zeit, seine Kultur hinaus . Das “Faustische” an diesem Film ist die immer wieder von apokalyptischen Alpträumen unserer Gegenwart bedrohte
Gnade, diesen “jüngsten Film” selber gestalten, also Träume – tiefeigene ebenso wie die kollektiven – und damit Augenblicke verewigen zu dürfen, zu denen man sagen will: “Verweile doch, du bist so schön .”

INTERVIEW WERNER FRITSCH (REDUX)

CHRISTIANE HABICH/WINFRIED GÜNTHER: Wie fing das mit dem Filmemachen eigentlich an bei dir?

WERNER FRITSCH: 1986 wurde mein Roman „Cherubim” vom Suhrkamp Verlag angenommen, das hätte den Ausschlag zugunsten des Schreibens bedeuten können. Aber vierzehn Tage später kam ein Schrieb des Kuratoriums Junger Deutscher Film, dass ich meinen ersten richtigen Film machen kann, Das sind die Gewitter in der Natur, mithilfe des Bayerischen Rundfunks. So suhlte ich mich gar nicht im Buch-Erfolg, nach der 5. TV-Show wurde es mir zu dumm. Ich ging zurück in die Natur meiner Heimat und zog mit 16-mm-Bolex und Stativ im Kreuz als eine Art säkularisierter Cézanne durch die Gegend. Wartete Tage, schulte meine Wahrnehmung, lernte die Zeichen sich verändernder Jahreszeiten kennen, die Abstraktion der Kadrierung, die Übersetzung in die Graphik des Graus zwischen Schwarz und Weiß…
Als ich dann für „Cherubim” den Preis des Landes Kärnten beim Bachmann-Wettbewerb bekam, den Rauriser Literaturpreis, den Robert Walser Preis usw., steckte ich die Preisgelder in die Produktion von Das sind die Gewitter in der Natur. Ich schnitt etwa ein halbes Jahr länger als üblich: auf eigene Kosten. Damals war ja noch Schneideraum und Schneidetisch zu mieten. Ich verdanke es der Besessenheit meiner Cutterin Edith Eisenstecken, dass sie mich in die Alchemie des Filmschnittes in Relation mit dem Filmton einweihte und aufzeigte, wie Bilder/Töne durch Kombination in eine neue Dimension kommen.
Bei der Verleihung des Robert-Walser-Preises machte mich der Juror Heinz Schafroth mit Matthias Zschokke bekannt und sagte: „Ihr jungen Autoren habt die Kamera als einen zusätzlichen Schreib-Griffel immer gleich zur Hand.“ Ich hatte auf dem (Um-)Weg zur Entgegennahme des Preises einen Schlangenkult in den Abruzzen gefilmt für meinen Gewitter-Film und auch Matthias Zschokke machte damals Filme. Aber Heinz Schafroth sollte nicht Recht behalten. Der Autoren-Film war nicht mehr angesagt. Ich wollte nach Das sind die Gewitter in der Natur weiter Filme machen, aber ich merkte, es würde um den Preis der Poesie sein. Filmer wie Josef Rödl oder Wolfram Paulus, die wunderbare Erstlingsfilme gemacht hatten, sind mittlerweile untergegangen im Mattscheibengrau. So rettete ich meine Vision vom poetischen Film ins Exil des Theaters und des Hörspiels. Erst 1996 ermöglichte mir das Literaturbüro Detmold, also Brigitte Labs-Ehlert, den Film Disteln für die Droste, für den ich meine Form des Filmgedichtes entwickelte. Diese zeichnet sich nicht zuletzt durch die Akzentuierung der Tonspur aus: dass Text Ton Musik eine neue Alchemie eingehen. Hier schlug sich meine Arbeit an der Sprache in Hörspielstudios nieder, andererseits die Zusammenarbeit mit Johann Kresnik am Schauspielhaus Hamburg und der Volksbühne Berlin, was die Choreographie der Tänzerin Verena Weiss und Franz Wechslers betraf. Daraufhin ermöglichte mir der Bildhauer Erwin Wortelkamp den Kurzfilm Labyrinth, mein erster I-Movie, I-Movie nannte man Filme, in denen ein Ich dezidiert vor/hinter der Kamera erscheint: Keimzelle von Faust Sonnengesang. Eine andere Keimzelle war die Tatsache, dass ich für die Expo 2000 nicht nur ein Stück CHROMA. FARBENLEHRE FÜR CHAMÄLEONS, sondern auch quasi das Bühnenbild als Film drehen durfte. Der zuständige Herr kannte meine Filme. Ein Glücksfall. So drehte ich die Kreuzigungen auf den Philippinen und Mephisto-Szenen mit Lemuren in Madagaskar…
Auch wollte ich einen weiteren Dokumentarfilm in der Tradion meines ersten machen: ich hatte über Jahre Gespräche geführt mit einer Roma-Oma, die sechs Jahre KZ, in der Hauptsache Auschwitz, überlebt hatte. Ein Wunder ohnegleichen! Eine Hymne auf die weibliche Überlebenskraft sollte es werden… Als ich von allen deutschen Sendern Absagen bekam, zum Teil mit Begründungen wie: diese Frau hat keine Zähne mehr, so jemand können wir nicht senden, wußte ich, wes Geistes Kind die quotenorientierte Senderlandschaft war. Daraufhin schreib ich in meinem Satyr-Stück „Enigma Emmy Göring”: „- Ach Hermann, mein Herr, mein Mann! Du wirst ewig im Gedächtnis der Menschen bleiben. Eure Politik wird künftighin ständig in den Illustrierten, im Rundfunk, im Fernsehen zugegen sein… Eure Philosophie wird – selbstredend unter dem durchsichtigen Deckmäntelchen demokratischer Aufklärung – allgegenwärtig sein! Und je mehr Sender ihr Sermon-Sammelsurium den Leuten um die Ohren schlagen und unsere Zeit somit zum Zerstreungslager machen, um so mehr wird sich jeder Sender mit jedem Sender im Wettstreit darum befinden: wer die höchste Einschaltquote hat… Wer aber hatte die höchste Einschaltquote aller Zeiten in Deutschland? Adolf Hitler!“ Als ich aufgrund dieser skandalösen Absagen dann doch Filmgeld bekam von der Hessischen Filmförderung und auch der Bayerische Rundfunk eingestiegen war, starb die alte Frau. Ich musste auf meine Aufzeichnungen meiner Theaterinszenierung mit Jennifer Minetti am Bayerischen Staatsschauspiel zurückgreifen, um den Film Ich wie ein Vogel fertigzustellen. Darüber lernte ich die Redakteurinnen von Faust Sonnengesang kennen: Eva-Maria Steimle und Cornelia Ackers, Frauen mit Kenntnissen und Rückgrat, eine aussterbende Spezies.
CH/WG: Von Faust Sonnengesang sind bislang die Teile I bis III fertiggestellt; die Serie soll aber insgesamt acht Filme von jeweils drei Stunden Länge umfassen…

WF: Serie? Da bin ich gerade nicht schlecht zusammengezuckt, offen gesagt. Aber ganz richtig! Ich habe – nachdem die größten Theaterereignisse meines Lebens sich über Tage hinzogen: das Orgien-Mysterien-Theater von Hermann Nitsch in Prinzendorf/ die „Orestie” von Ariane Mnouchkine in Paris/ der „Ring“ von Wagner in Bayreuth – einfach einen Sog verspürt, einen Flow, bin in Zustände gekommen, die mich aus dem üblichen Zeiterleben heraushoben. Deswegen habe ich die 24 Stunden meines Filmgedichts auch in 8 mal 3 Stunden aufgeteilt. Damit eben die Leute beim Schauen Zeit haben, durch die Bilder meines Filmes hindurch, Bilder ihres Lebens-Filmes zu sehen, wie gesagt. Die Entwicklung der Digitaltechnik hat in jedem Fall wieder eine neue Freiheit, hat die Möglichkeit als Autor im Film nicht nur als Drehbuchautor, sondern als Schöpfer, sprich Autoren-Filmer, als Film-Dichter zu arbeiten, entschieden größer gemacht. Lieber ein kleiner Gott als ein großer Ministrant, ist mein Mantra seit jeher.
Nach etwa hundert Werken in verschiedenen Gattungen wollte ich mit damals 44, also vor 14 Jahren, sagen wir hoffnungsfroh: in der Mitte des Lebens, noch etwas „Schönes“ machen, sprich: Was will ich sehen/hören, wenn ich die Augen für immer schließe. Zugleich eine Art Alchemie all der Genres, in denen ich gearbeitet habe: Faust Sonnengesang, wo die Arbeit mit den Schauspielern auf dem Theater und im Hörspiel zusammenkommt mit der Arbeit an eigenen Texten und eben mit den eigenen Bildern.

CH/WG: Ist es nicht einschüchternd, einen Film in solchen Dimensionen zu planen?

WF: Beflügelnd! Endlich etwas machen, was (meines Wissens) noch nie jemand (so) gemacht hat! Ich komme ja auch aus einer Zeit, wo ein Künstler nur als Künstler galt, wenn er Neues erschuf durch seine Arbeit. Schon als ich mit 12, 13 mir die Finger blutig spielte auf dem Griffbrett meiner Gitarre, merkte ich, ich kann – trotz täglicher Praxis – Jimi Hendrix nicht übertreffen, aber ich kann einen eigenen Stil entwickeln, kann „mein Ding“ machen! Das war eine grundlegende, für mich bis heute gültige Erkenntnis. Das gilt für mein Schreiben genauso wie für mein Filmen. In jedem Fall habe ich noch immer das Gefühl, mit der Alchemie alles Bisherigen meiner Arbeit in Faust Sonnengesang etwas Neues zu machen, das beglückt mich noch immer. Das beflügelt noch immer!

Faust Sonnengesang ist eine neue Art Film, eine neue Art Fernsehen – oder sollte man Nahsehen dazu sagen? Statt mit Spannung arbeitet es mit Entspannung: statt mit Ablenkung mit Versenkung und Zusichkommenkönnen etc. Es zeigt nicht nur, was mir mit offenen „Objektiv-Augen“ sehen, sondern auch, was wir mit geschlossenen Augen sehen, mit „Subjektiv-Objektiven“, gefilmt mit der „Herz-Kamera”…
Die 24-Stunden-Filmlänge ist ganz einleuchtend durch den Lauf der Sonne um die Erde bestimmt: Faust Sonnengesang bezieht sich zum einen auf den Faust-Stoff, ist ganz bildlich gesprochen und wörtlich genommen das Öffnen des deutschen Stoffes zur Welt hin, jeder Finger dieser geöffneten Faust steht für einen Kontinent, quasi Sender zugleich und Antenne, also ist die Länge des Films die Umkreisung der Erde durch die Sonne.
Andrerseits bezieht sich Sonnengesang auf die Sonnenhymne des Echnaton. Und im Alten Ägypten wandert die Sonne 12 Stunden durch die Unterwelt, ruft Stunde um Stunde, Stufe um Stufe die Toten ins Leben zurück durch ihr Licht, bis sie dann wieder die Lebenden erfreut, Morgen um Morgen … Soviel zur Gesamtlänge des Films.

CH/WG: Und ist es auch einschüchternd?

WF: Einschüchternd ist der Wall des Desinteresses! Das schwarze Loch der Wirkungslosigkeit. Lange Zeit dachte ich: Jeder, der nicht abgrundtief böse ist oder abgrundtief dumm, müsste so ein Unterfangen wie Faust Sonnengesang gutheißen. Und es wenigstens mental, im Idealfall materiell unterstützen. Denn statt die Leute von sich abzulenken, will mein Film die Leute zu sich bringen. Statt den Leuten keinen eigenen Gedanken in 90 Hollywood-Minuten zu ermöglichen, lassen die 180 Minuten eines jeden meiner Filmteile den Menschen mannigfach Gelegenheit, sich ihrer eigenen Bilder/Erinnerungen/Träume zu entsinnen oder solche anzuspinnen im Nacherleben des Filmes oder schon beim Schauen. Soweit zum Individuellen: Dank Mephista und Mephisto bekommt Faust, der ein Jedermann ist, Stellvertreter des Zuschauers, nur symbolisch verkörpere ich diese Rolle, auch Zugang zum Bilderarsenal des kollektiven Unbewussten. Kurz: ich versuche auf allen Kontinenten die ältesten Bilder und Texte oder Tondokumente aufzuspüren und sie in poetische Synthese zu bringen mit denen der Gegenwart oder eben meiner individuellen Existenz. Einschüchternd ist, dass es kaum mehr einen Resonanzraum für Dinge gibt, die nicht in Schubladen passen (wollen). Derzeit läuft Faust Sonnengesang II in einem kleinen Berliner Kino, der Brotfabrik. Die wenigen Leute, die kommen, sind zum Glück so begeistert, dass ich denke, es war nicht ganz für die Katz.
CH/WG: Was ist eigentlich „faustisch“ an deiner Familiengeschichte, wie du sie in Teil II ausbreitest?

WF: Während ich auf einem Balkon in Zürich im Bewusstsein, durch die Schmutzlichter der Stadt keine Sternschnuppen sehen zu können, über diese wahrhaft mephistophelische Frage nachdenke, sehe ich plötzlich in circa 150 Meter Entfernung ein Glühwürmchen. Ich denke, naja so groß ist das Dunkel ja auch nicht, so ein Glühwürmchen ist ja, lapidar gesagt, ein Bild der Hoffnung. Ich gehe rein im Bewusstsein, so ein Glühwürmchen schaffe ich ohnehin nicht zu filmen, aber ich habe es immerhin in mir, und beginne, meine Antwort auf diese Frage ins Arbeitsbuch zu skizzieren. Plötzlich lege ich den Kugelschreiber weg, nehme die Kamera, stelle sie ein … Und siehe da: Ich schaffe es in der Tat, dieses Glühwürmchen zu filmen. Sehe, dass es sogar zwei Glühwürmchen vor einer Vincent-van-Gogh-gelben Hausfassade sind, die sich im Dunkeln umflügeln. Sind sie vor der Fassade, sehen ich und meine Kamera sie nicht, sind sie im Dunkeln, sehe – und filme ich sie.
Plötzlich habe ich die Antwort, beglückt, beflügelt. Überrascht, dass es mir gelungen ist, etwas zu filmen, das zu filmen ich zumindest, es mag -zig wissenschaftliche Filme mit Glühwürmchen geben, nicht geträumt hätte … Mir gelingt es sogar, einen Glühwürmchen-Faustkeil zu drehen. Also diese Augenblicke nicht nur gesehen, sondern auch gefilmt zu haben, ist beglückend: egal, ob das je jemand sieht oder nicht. So ist es mit meinem Film insgesamt. Diese Glühwürmchen im Nachtschwarz sind die weißen (gelben) Punkte im Schwarzen der Nacht.

Wenn ich sozusagen eine Geschichte des Lichtes in einem Film erzählen will, brauche ich das Dunkel. Faust ist eine Geschichte aus Deutschland. Schon Goethe hatte die Vorgabe, eine Faustfigur aus dem Dunkel der Schwarzmagiertradition ins Licht zu transformieren. Auch der Vater seiner Faustfigur hat gefährliche, um nicht zu sagen tödliche Experimente gemacht und Hunderte Menschen auf dem Gewissen. Die deutsche Geschichte und damit meine Familiengeschichte ist eine finstere.
In einer Kritik des Bayerischen Rundfunks stand angesichts der Premiere von Faust Sonnengesang II: „Ist das noch Kunst oder schon Schamanismus?“ Der Schamane versucht, die Krankheit desjenigen, den er heilen will, auf sich zu nehmen, in sich aufzunehmen. Er geht den Weg zu den Ahnen. So auch der symbolische Faust dieses Filmes. Mephisto, der ihm im Europateil, also Faust Sonnengesang II, in Gestalt von Dante erscheint und ihn im „Fluss der Stimmen“ durch das Inferno der Erinnerungen führt, sagt ihm ja: „FAUST Die Stimmen meiner Ahnen/Hör ich im Rauschen //MEPHISTO/DANTE Lass uns lauschen ohne Furcht// FAUST Muss ich wirklich durch alles durch?// MEPHISTO/DANTE Trink das Wasser aus diesem Fluss// FAUST Ich will zu dem Punkt zurück/ An dem alles seinen Anfang nimmt/ Und dieses Mal/ In diesem Traum möge alles/ Den Weg einschlagen ins Licht// MEPHISTO Es gibt ihn nicht/ Licht ist der Weg/In diesem Fluss fließt alles fort/ Was wehtut/ Alles was nicht zu ändern ist …“
Das Faustische ist die Gnade, von dieser Erb-Schuld Auschwitz – die Mörder meiner Großeltern sind, schon vor Auschwitz, Kriminelle gewesen, die in Auschwitz ja nun nicht zur Humanität, sondern in die totale Bestialität geführt wurden und sich blindwütig an den Deutschen rächten, in diesem Fall alleinstehende Bauernhöfe überfielen und ausraubten – sich nicht die Hoffnung rauben zu lassen, den Glauben an den Menschen.
Also benennen: beschwören: ans Licht heben: heilen. Das ist Kunst im Gegensatz zum Kommerz, der Kasse und Quote machen will mit Hitler und Co. Nebenbei eine Hymne auf meine Mutter, die, tief religiös verwurzelt, eben die Kraft hatte zu verzeihen. Ich habe in dem Bett geschlafen, in dem meine Großmutter vor den Augen meines Vaters und seiner Geschwister erschossen wurde, in dem Raum. Und ich bin in dem Raum, in dem mein Großvater erschossen wurde, gezeugt worden. Ich habe in diesem Raum mit meiner Mutter über Gott geredet. Dass eben alles hienieden nur ein Theaterstück ist, eine Probe, ob man sich zum Dunkel oder zum Licht hinbewegt. Der Körper ein Kostüm aus Haut und Knochen. Die Welt eine Kulisse, eine Inszenierung der Hölle, irgendwann fällt der Vorhang.
Als Kind saß ich dann am Waldrand und sprach, für die anderen mit mir, für mich mit Gott. Faust Sonnengesang nimmt dieses Gespräch auf. Wenn es sein muss – gegen die Welt. Selbst wenn es keinen Zuschauer gibt, beglückt mich, so ein kleines, flüchtiges Erlebnis verewigt zu haben wie eben jenes Glühwürmchen just.

CH/WG: Der Faust-Stoff ist ja seit den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft ein volkskultureller und literarischer Urtypus Europas, wie sonst vielleicht nur noch die Robinsonade. Der andere Teil des Filmtitels dagegen, der Sonnengesang, verweist explizit auf die Sonnengesänge des Echnaton, also auf eine vormoderne Welt. Siehst du hier keine schwer aufzulösende Spannung des Unvereinbaren? Und was ist ein Glühwürmchen-Faustkeil?

WF: Ja. genau, auf diese Spannung kommt es mir an: auf eine Alchemie, die vordem scheinbar Unvereinbares zu einer neuen Legierung zusammenführt. Einerseits FAUST, andrerseits Sonnengesang. Es ist ja schon die Umwertung des Faust-Stoffes. Goethes Faust sagt: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu Grunde gehen …“ Das heißt ja, Goethes Faust ist ein typischer Protagonist des 19., 20. und wohl auch, so fürchte ich, des 21. Jahrhunderts, der als Genuss- und Machtmensch von Attraktion zu Attraktion gepeitscht, von Droge zu Droge geputscht werden will, von Ekstase zu Ekstase hetzt … Das gilt ja, horribile dictu, auch für die Jugend von heute, die natürlich spürt, wie tief der Karren bereits im Dreck steckt, und nur noch im Tanz auf dem Vulkan abfeiern will, von Party zu Party von Ecstasypille zu Ecstasypille, von Tinderonenightstand zu Tinderonenightstand … Keine Wertung! Schlimmer finde ich das, was Mephisto in Faust Sonnengesang III sagt: „Jeder gezwungen/ Wider besseres Wissen /Mitzuarbeiten an der Apokalypse!
Mitzufahren im Zug, Richtung Abgrund! /Und die Jugend / Gezwungen, Mammons Anus zu küssen… /Selbst wer Theologie studiert /Studiert im Nebenfach noch Wirtschaft: Wirtschafts-Wissenschaft /Die Wissen schafft /Wie man die Reichen/Noch reicher macht/ Und die Armen/ Noch mehr bescheißt… Und den Geist /Der da weht, /Wo er will,/ Vertreibt,/ Verbannt aus den Lehrplänen…”
Mein Faust will im Gegenteil nur Augenblicke erleben/memorieren/träumen, zu denen er sagen will: Verweile doch, du bist so schön! Natürlich brauche ich auch, damit das Ganze nur um so klarer zum Leuchten kommt, ab und zu einen dunklen Horizont, apokalyptische Alpträume als Kontrapunkte. Ich kann nicht 24 Stunden schöne Augenblicke akkumulieren, aber das ist die Sehnsucht, das ist das, was ich den „jüngsten Film“ nenne: Was möchte ich sehen, wenn ich die Augen für immer schließe.
Da sind eben Augenblicke, die mir, seit ich Kameras in der Hand habe, also fast 40 Jahre, geschenkt wurden: wie die Glühwürmchen jüngst. Oder Träume/Sehnsüchte, die ich vorsichtig inszeniere, indem ich ein Magnetfeld schaffe, wo sich alle vor und hinter der Kamera wohl-, ja glücklich fühlen, wo Laien sind, was sie sowieso sind, und Schauspieler zu den Menschen, die sie im tiefsten Seelengrund sind, werden dürfen. Soweit die individuelle Ebene.
Durch Mephisto und vor allem Mephista, die eben nicht nur eine Art sexy Hexe der Extraklasse ist, sondern eine Art Anima, eine Art Sophia, bekommt Faust Zugang zu den kollektiven Träumen der Menschheit. Bei Goethe gibt es ja nur einen Mephisto, der sich klar als Zerstörer und später sogar als Homosexueller outet. Das Ewig-Weibliche ist ja am Schluss eher rettende Behauptung. Im „Faust” Goethes ist es nur als Gretchen (zu) schwach zugegen, zumal Gretchen ja Opfer wird – und „Gretchen“ zu Goethes Zeit ja ein Synonym war für „Hürchen“. Nur bei Helena, wo Faust fast Gefahr läuft, die den Augenblick betreffende Wette zu verlieren ist es – außer beim Schluss – für einige „schöne Augenblicke“ zugegen, das Ewig-Weibliche.
Kurz gesagt: die Helena meines Fausts ist die den Kulturkontext Richtung Afrika öffnende Nofretete, die hinter Echnatons Sonnengesang steht, als Muse, vielleicht gar Coautorin. Kurzum: Es geht darum, in der Menschheitsgeschichte Erinnerungen/Träume/Sehnsüchte/ Hoffnungen zu finden, die eben nicht vom schrecklichen Augenblick ausgehen, sondern vom schönen. Echnatons Hymne beschwört jahrtausendeübergreifend schöne Augenblicke, das Licht der Sonne bringt Leben hervor: das Küken im Ei, das Kind im Leib der Mutter, die Fische im Strom, alles Leben wird hervorgerufen durch das Licht, die Wärme, die Sonne. Hier sind schöne Augenblicke verewigt. Archive von Krieg Tod Leid gibt es im Alten Ägypten genauso wie in den Wochenschauen und Nachrichten unserer Tage zuhauf. In den griechischen Tragödien wie in unseren Krimis regiert die Tyrannis des vergossenen Blutes. Und die schrecklichen Bilder, auf die jeder Krimi, jeder Horrorfilm, aber auch die Tagesschau spekuliert, sind eben, horribile dictu, solche, die sich uns tiefer einprägen als die schönen. Dagegen gilt es in Faust Sonnengesang anzutreten. Bilder zu finden, die noch stärker sind. Die bleiben, die man sehen will, wenn man die Augen für immer schließt. Ein Gegenarchiv der schönen Erinnerungen zu erstellen, in der Hoffnung, dass sich damit auch unsere Gegenwart/Zukunft im Sinne des Menschen, um nicht zu sagen im Sinne des Planeten verändern lässt. Wenn man 350 oder noch mehr Morde, Katastrophen zuhauf in den Medien sieht im Laufe einer Woche, was soll daraus erwachsen: 700 oder 7000 oder 7 Milliarden Morde in der Zukunft? Katharsis? Vielleicht? Trotzdem ist es mir zutiefst zuwider, weil ein Geschäft damit verbunden ist, ein Kalkül: Quote. Industrielles mediales Morden! Vampirfilme als Metaphern, einen blutsaugerischen Turbokapitalismus Teenagern „schmackhaft“ zu machen?
Mithilfe vor allem Mephistas findet mein Faust Zugang zu den verschütteten Quellen, wo vor Jahrtausenden in allen Kulturen der Welt ein Jetzt beschworen wird, das immer noch aktuell ist, immer noch Sehnsucht hervorruft. Also ich suche – im Sinne des Sonnengesangs – auf allen Kontinenten die ältesten Bilder/Texte, die ich in Alchemie bringe mit Bildern/Tönen/ Texten der Gegenwart.
„Faustkeil“ ist eine Kameratechnik, die ich, über Jahrzehnte Kameras in der Hand, eigens für meinen Faustfilm entwickelt habe: die Kamera zu handhaben wie einen Faustkeil. So fusioniere ich 50 000 Jahre Bildgeschichte. Das Bild wird körperlich, kubistisch, polyperspektivisch, wird zur Skulptur, die Kamera wird zugleich zum Pinsel, das Licht wird zur Schrift, visualisiert den Fluss der Atome usw. Der Körper des Autors, das Jetzt der Aufnahme, die Einmaligkeit des jeweiligen Lichtes rings um die Welt wird verewigt, auch gestisch.
Alles will ich nicht preisgeben, bevor die 24 Stunden fertig sind, aber das eine kann ich sagen: Es ist nicht ein wildes Herumfuchteln mit der Kamera, sondern ich kontrolliere jedes Bild, das ist der Unterschied. Ich habe angefangen mit einer 16-mm-Bolex, wo jede Minute etwa 100 Mark gekostet hat. Da überlegt man schon, was man dreht. Da wartet man schon Stunden, Tage, bis das Licht, bis die Wolken „richtig“ sind. Vielleicht kommt es daher, dass ich als Kind/Jugendlicher schon viel, allerdings mit Gewehren, geschossen habe, auch manchen Hasen, manchen Fuchs, manches Reh habe ich als Wilderer auf dem Gewissen. Ein furchtbares Wissen zugegeben! Immerhin habe ich seither versucht, was Gutes zu entwickeln aus dieser Ballistik des Tötens. Es ist ja auch ein Unterschied, ob man auf Flaschen, Büchsen, Zielscheiben schießt – oder auf ein Lebewesen. Beim Militär, wo ich, längst Pazifist, nur war, um „Fleischwolf” und „Steinbruch”, also dagegen, zu schreiben, war ich der beste MG-Schütze meiner Kompanie, weil beim MG kann man nicht mehr Kimme und Korn in Einklang bringen, da hilft, auf der Grundlage früherer Zielgenauigkeit, nur Intuition. Jedenfalls hilft mir dieses schreckliche Wissen, ins Friedliche gewendet, die Bewegungen der Dinge/Tiere/Menschen, die ich filme, vorauszuahnen oder eben zielgenau mitzuvollziehen. Ich kann die Menschen vor der Kamera sich frei – und schnell – bewegen lassen – ohne Bänder zu kleben und Bewegungen festzulegen: Ich bekomme doch das Bild, das ich will – oder noch genauer: eines, das noch besser, weil authentischer, ist als alles, was man planen kann. In manchen (glücklichen) Augenblicken denke ich: der Jimi Hendrix der Gitarre bin ich nicht geworden (mit 13), aber vielleicht der Jimi Hendrix der Kamera.

CH/WG: Du schreibst, dass du auf allen Kontinenten die ältesten Bilder und Texte oder Tondokumente der Menschheit aufspüren willst. Um bei den Bildern zu bleiben: wo suchst du diese Bilder, wo findest du sie?

WF: Ja, die ältesten Bilder im Sinne des Sonnengesangs. Nicht im Sinne der Archäologie. In einer Höhle in Spanien filmte ich das wohl auch objektiv älteste Bild Europas: 40 000 Jahre. Und siehe: Es ist eine immer wiederkehrende rote Kugel, die ich mir erlaube, als Lauf der Sonne zu interpretieren! Wenn das kein Zeichen ist! Ein Glücksfall sondergleichen. Jüngst war ich in Südtirol zu einer Lesung/Filmvorführung, da fuhr ich weiter ins Val Camonica, um die Felszeichnungen im Faustkeil-Stil zu filmen, die wohl mit einem Faustkeil in den Fels geschlagen wurden …
Also überall, wo ich hinkomme, kümmere ich mich, ob irgendwo Bildhöhlen oder Rockcarvings etc. sind bzw. steuere sie bewusst an. In China hab ich eine ewig lange und teure Anreise gemacht, um im Sinne des Sonnengesangs eben nicht blutrünstige Jagd- und Kriegsbilder, sondern eine lächelnde Frau in einer Felszeichnung zu filmen. Als ich endlich ankam, war das Areal abgeschlossen. Ich kletterte über den Drahtzaun und filmte trotzdem. Makabrerweise stiegen dahinter mächtige Wolken auf. Ein Atomkraftwerk!!! Darauf kann man nicht kommen, das steht in keinem Reiseführer, auch nicht im Netz. Als ich auf ebendem Bergkamm noch Statuen filmen konnte von Konfuzius, Laotse und Kuan Yin zusammen mit einer asiatischen Darstellerin, das Atomkraftwerk im Hintergrund, hat mir der Genius loci ein zeitenübergreifendes China-Bild geschenkt!
Vom Ethnologischen Museum Berlin habe ich mir älteste Tondokumente von Wachswalzen digitalisieren lassen: solche, die man noch nicht kennt. Älteste Texte sind mir als Autor sowieso bewusst. So gibt es in Faust Sonnengesang II Text-Alchemien und Semi-Totengespräche von/mit Gilgamesch/Heraklit/Empedokles/Orphischen Mythen/Ovid/Hafiz/ Attar/Rumi/Mechthild von Magdeburg/Dante/Bruno/Goethe/Nietzsche …
Der Zufall ist eine wichtige Muse. Das sind die Geschenke! Jahrelang baut man ja nur Landebahnen für die außerirdischen Flugkörper der Inspiration. Man muss auf das warten, was größer ist als das, was man denken, als das, was man planen kann. Armselige Filme, die nichts sind als umgesetzte Storyboards! Wenn Sie soviel geschrieben und noch hunderttausendmal mehr gesehen/gelesen/gehört und automatisch im Hinterkopf analysiert haben und auch noch Theatergeschichte von Aischylos bis Einar Schleef als Gastprofessor unterrichtet haben, gibt es nur noch eine Dramaturgie, der Sie gehorchen wollen: der Dramaturgie der (Selbst-) Überraschung, der Dramaturgie des Traums. Natürlich hab ich nicht geplant oder je geträumt (außer beim Lesen des „Sommernachtstraum” vielleicht), Glühwürmchen zu filmen! Jetzt hab ich sie gefilmt. Wer weiß, welches Bild sich dazu einstellt, welcher Text, vielleicht schon vorhanden, vielleicht erst zu schreiben. Manchmal liegen die Bilder einer Sequenz 30 Jahre auseinander!
Einmal hatte ich mir vom Theater Kostüme für meine Töchter ausgeliehen, um einen Gang durch einen Laubentunnel im Septemberlicht zu filmen. Und sie fanden es, damals 13 und 17, mega-uncool, in einem Film (nur) ihres Vaters vorzukommen. Und ich schaute durch den Sucher, und man merkte die Lustlosigkeit, und auch ich, zugegeben, hatte keine zündende, sie motivierende Idee. Da drehte ich mich um und sah, dass mein Bruder eine zementverschorfte Blechwanne, darin noch Blutlachen vom Schlachten des Damwildes waren und wo sich unzählige chromgrüne Fliegen eingefunden hatten, die sich überdies noch im Blutrot aufs wunderbarste spiegelten, in der Nähe in die Sonne gestellt hatte. Da drehte ich die Kamera einfach um und hielt auf die Blutlache. Und siehe: in dem Augenblick, da die Kamera lief, kam eine Wespe herbeigesurrt und raubte eine der Fliegen. Das verband ich mit einer alten, schwarzweißen 16-mm-Zelluloidaufnahme des mit einem Totenkopf ausgestatteten Pfaus aus der Wondreber-Totentanz-Kapelle, die ich vermutlich 1987 gemacht habe mit meiner Bolex. Diesen aschgrauen Totenkopfpfau verband ich mit einer Farbaufnahme eines mit Hi8 anno 1995 gedrehten Pfaus, der von einem Eichenast auffliegt. Und dann wieder ein Bild von Friedrich dem Großen, das ich 2014 herum gedreht habe, Nietzsches Diktums eingedenk: dass Friedrich der Große der erste Mephisto war, der die Deutschen verführt hat. Was bleibt von der Hybris Historias: eine von chromgrünen Fliegen umsirrte Blutwanne …

Die Fragen stellten Christiane Habich und Winfried Günther am 6.8.2018 via Email. Kürzung: Christoph Hochhäusler.

Extras

Mit einem ausführlichen Booklet

Inhaltsübersicht

Faust Sonnengesang II
1 PROLOG
2 FLUSS DER STIMMEN
3 JETZT BIN ICH O GOTT IN DER WÜSTE
4 FAUST UND MEPHISTO IM FLUSS EUNOE
5 DA WAREN MORDSWURZELN IM SUMPF
6 DAS IST DOCH ALLES NUR EIN TRAUM
7 NUR NOCH GEWÖLK
8 DIE GEGENWART DER TOTEN
9 SONNENFINSTERNIS
10 GOETHE: VERWEILE DOCH
11 IM REICH DER MÜTTER
12 EUROPA-KARUSSELL
13 DIE METAMORPHOSEN DES OVID
14 KÖNIG MIDAS
15 WERDE ZUM TIER
16 TRIPTYCHON
17 MECHTHILD VON MAGDEBURG
18 SPIEGEL DER ZEIT
19 NICO. SPHINX AUS EIS
20 ALTER DICHTER OMAR
21 EMPEDOKLES
22 TRAUM VON ISCHTAR
23 EPILOG

Faust Sonnengesang III
1 LANDUNG
2 OLD FAUST
3 GLAD TO BE IN AMERICA
4 ON THE ROAD
5 WENZEL
6 GOTT ERSCHAFFEN
7 HIEROGLYPHEN
8 NICO
9 SONG TO THE OPEN ROAD
10 WILLIAM FAULKNER
11 CALL ME MOSES
12 BEAUTIFUL AMERICA
13 RAINBOW BRIDGE
14 HYDRA KRIEG
15 THARBIS, PRIESTERIN DER ISIS
16 HÖRST DU MEINE STIMME
17 DAS GELOBTE LAND
18 DIE ANTWORT?
19 NATIVE PROPHECY
20 DIE WELT WIRD NIEMALS ENDEN

Credits
Buch: Werner Fritsch
Kamera: Werner Fritsch
Musik: Werner Cee, Miki Yui
Regie: Werner Fritsch

Produktion: Cherubim Filmproduktion
Produktionsland: D
Produktionsjahr: 2015-8
Pressestimmen

»Deutschlands tollkühnster Dichter!« Der Spiegel

»Eine assoziative Reise zu nahen und fernen Regionen, in die jüngste und fernste Vergangenheit und eine Erkundung ihrer Zeichen und Mythen – ein opulenter und betörender Klang- und Bilderrausch.« Kinema Kommunal

»Fritsch ist ein von den Wundern und Wunden der Erde inspirierter Gottessucher, der mit dem „Sonnengesang“ des heiligen Franziskus und dem Sonnenhymnus des Echnaton eine Glaubenshaltung in Erinnerung ruft, in der Gott als das Leben spendende Licht gepriesen wird.« Süddeutsche Zeitung

»Der Film zeigt in nicht weniger als 180 Minuten einen Rausch aus wilden Farbtupfern und idyllischen Naturbildern, aus wunderschöner Musik und großmächtiger Lyrik, die unter anderem von Starschauspielern wie Corinna Harfouch, Angela Winkler und Ulrich Matthes tadellos vorgetragen wird. Er handelt vom bewusstseinsprägenden Donnerhall moderner Rockmusik und von den Felsinschriften der ollen Ägypter, von den Merseburger Zaubersprüchen und von den Kindheitseindrücken eines Autors, in dessen Heimat in den Wäldern der Oberpfalz die Gespenster der Nazizeit bis heute aufs Lebendigste herumspuken.« Spiegel Online

»Mit ›Faust Sonnengesang‹ zeigte der Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks einen Autorenfilm unbekannter Art. Der Untertitel ›Filmgedicht‹ wies dem Verständnis des dreistündigen Werks die Richtung. Denn der Theater- und Hörspielautor Werner Fritsch hat in mehr als zehnjähriger Arbeit weder einen Spiel- noch einen Dokumentarfilm gedreht, und auch der häufig für unkonventionelle Arbeiten eingesetzte Begriff des Filmessays trifft hier die Sache nicht. Dennoch ist von alldem durchaus etwas darin vorhanden, allerdings in einer Synthese mit Fritschs großbauenden lyrischen Texten und zuweilen betörender Musik (hier über weite Strecken eine äußerst suggestive Komposition von Steve Reich), wodurch sich tatsächlich von einem neuartigen Filmgedicht sprechen lässt, für das es praktisch keinen Vergleich gibt und das deshalb auch zu grundsätzlichen Überlegungen Anlass gibt.« Funkkorrespondenz

»Mit diesem „Filmgedicht“, wie Werner Fritsch seine Annäherung an den „Faust“-Mythos nennt, löst sich der Schriftsteller und Filmemacher von allen Bekannten Formen. Drei Stunden lang fließen Bilder von betörender Schönheit an den Augen des Betrachters vorbei und geben ihm immer wieder neue Ideen. Fritsch ist ein faustisch Suchender, der mit der Kamera um die Welt reist. So hat er in Ägypten und New York, in Norwegen und China, in Mexika und auf einer griechischen Insel Eindrücke gesammelt. In jeder Einstellung dringt er auf den mythischen Grund des Realen vor. Die Bilder werden zu einer Schrift, die sowohl die Grenzen der Wirklichkeit als auch der Zeit überwindet.« Frankfurter Rundschau

»Faust Sonnengesant ist ein faszinierendes, wild wucherndes Etwas aus abstrakten Farbenspielen und Kirchenchorälen, aus langen lyrischen Texten, vorgetragen etwa von Angela Winkler und Ulrich Matthes, aus filmischen Streifzügen durch vulkanische Gebirgs- und altägyptische Ruinenlandschaften, aus plötzlich auftrauchenden Mephisto- (und “Mephista”-) Figurationen und überhaupt zahllosen mythologischen Refernzen.« THEATER DER ZEIT

“Einen Langen Atem, Schwindelfreiheit und Freude an verrätselten Bildkompositionen sollte man
mitbringen, um Werner Fritschs monumentales Filmgedicht zu genießen: Goethes „Faust“ in die
Gegenwart katapultieren will der Schriftsteller und Hörspielautor Fritsch in diesem dreistündigen Werk. Doch vom klassischen Stoff sind nur Bruchstücke zu erkennen, vielmehr denkt Fritsch die Goethe-Themen höchst assoziativ weiter. Oft lagern sich zwei oder mehr Bildebenen übereinander, dunkle Silhouetten schieben sich vor Landschaftsimpressionen von Feldern oder Wellen. Symbole und Rituale aus aller Welt blitzen auf wie ägyptische Hieroglyphen oder Prozessionen zum mexikanischen Tag der Toten. Aus dem Off tragen Faust- und Mephisto-Stimmen (Fritsch selbst, Ulrich Matthes, Angela Winkler und viele andere) meditativ-lyrische Texte vor. Da ließe es sich prima über alle möglichen Bedeutungen spekulieren, man kann sich aber auch einfach von der sogartigen Bild-Wort-Sound-Komposition in Trance wiegen lassen.” Zitty

“Der 180 Minuten lange Film ist ein innerer multimedialer Monolog, der Sprache (unter anderem
kongenial von Ulrich Matthes rezitiert), betörende Musik und eine reiche Bilderwelt vollkommen
gleichberechtigt wirken lässt. Das Material hat er aus in vielen Jahren gesammelten filmischen Lebens- und Reisenotizen montiert. Fritsch schildert sich selber als Faust, der aus einer Zwischenwelt heraus privates Erleben und den Weltenlauf deutet, eine eigene Sprache für diesen Schattentanz suchend. Bei allen assoziativen Sprüngen und fließenden Übergängen ein narrativ stringent aufgebautes Filmgedicht, kühn und inspirierend.” Der Freitag

“Fausts lange versagter, weil mit Mephistos Todesdrohung aus dem Teufelspakt behafteterWunsch, zum Augenblick zu sagen „Verweile doch, du bist so schön“ – er soll sich hier mit ewiger Götter- und
Menschheitsgeschichte symbolisch erfüllen. Werner Fritsch streift dabei in Versen, Wechselreden,
Gesängen durch Zeiten und Räume, so sollen alle Kontinente in Bildern und Worten assoziativ bereist werden. Am Ende der jetzt gezeigten sechs Stunden blickt Faust mit Mephista und Mephisto – auch in der Frau steckt das Himmlisch-Höllische, die Teufelei ist genderübergreifend – von der Atlantikküste gen Amerika. Als Nächstes hat der Autorfilmer nun die Neue Welt im Auge.
Ein Malstrom sich verschlingender Bilder: Aber die alte mit ihrer Kultur- und Literaturgeschichte ruht noch auf ihm. Fritsch möchte buchstäblich einen „Faust“-Keil treiben in Mythen und Überlieferungen. Also verwandelt sich Faust auch in König Gilgamesch und trifft statt auf Gretchen oder Helena auf die Göttin Ischtar, von denen die assyrische Keilschrift erzählt. Fritsch sagt, dass er seinen Gestirngesang zudem auf den Sonnen-Hymnus des Pharaos Echnaton bezieht. Voraufklärerisch „wider die herrschende Vernunft“ will er eine Welt jenseits der aktuellen Globalisierung schaffen. Jenseits auch der konventionellen „Spannungs-Dramaturgie Hollywoods“. Daraus entsteht ein psychedelischer Trip, ein Feuer-und Malstrom sich verschlingender, verschwimmender, wiedervereinigender Bilder. Felder und Wälder, Schwellen und Wellen, Körper, Hochhäuser, Abgründe, vulkanische Impressionen, alles hoch assoziativ und umrauscht von zeitgenössischen Musiken, Computertönen, Bach-Chorälen… Schauspieler*innen wie Angela Winkler, Corinna Harfouch, Irm Hermann, Herbert Fritsch, Peter Simonischek und Ulrich Matthes sprechen
erdichtete Stimmen von Aphrodite bis Emmy Göring (über die Werner Fritsch einst ein Theaterstück
verfasst hat), von König Midas bis Mephisto, Dante, Goethe und vieler Ahnen. Sogar Ezra Pound ist als Vorleser seiner „Cantos“ zu hören.” Der Tagesspiegel

“Im zweiten des auf insgesamt acht Teile angelegten monumentalen „Filmgedichts“ des Dichters und Dramatikers Werner Fritsch entfaltet sich eine assoziative Meditation, ausgehend von Europas
kultureller Geschichte, die Motive und Figuren des ersten Teils von den Höhlenzeichnungen bis zu
Goethes „Faust“ aufgreift. Der experimentelle Bilderbogen erweist sich als höchst kunstfertige und
kenntnisreiche, ebenso faszinierende wie anstrengende Gedankenreise. In seiner ganzheitlichen,
vielstimmigen Sicht auf Europa, die Bezüge zwischen den einzelnen Kulturen aufdeckt, offenbart sich zudem eine Haltung, die weit über eine kleine Zielgruppe akademisch gebildeter Interessenten
hinausgeht.” Film-Dienst

2 DVDs
im Digipack mit Booklet

noch nicht lieferbar
€ 19,90


Best. Nr.: 7041
ISBN: 978-3-8488-7041-7
EAN: 978-3-8488-7041-7
FSK: Infoprogramm

Länge: 360
Bild: PAL, Farbe, 16:9
Ton: Dolby Stereo
Sprache: deutsche Fassung
Untertitel: englische Untertitel
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Edition: filmedition suhrkamp
Reihe: fes
Rubrik: Filmessay


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