Film | TURKSIB (Der Stählerne Weg, 1929)

TURKSIB (Der Stählerne Weg, 1929)

Regie: Wiktor Turin Herausgeber: Rainer Rother, Alexander Schwarz

Der legendäre Dokumentarfilm handelt vom schwierigen Bau der durch die kasachische Steppe führenden Anschlussstrecke aus Turkestan (damals Sammelbegriff für das sowjetische Mittelasien) zur Transsibirischen Eisenbahn. Die Turk-Sib-Bahn war neben dem Großkraftwerk Dnjeprostroi und dem Wolga-Don‑Kanal eines der drei Großprojekte in den ersten Jahren des Fünfjahrplanes von 1928/29 und ideal geeignet, das Aufbruchspathos und die radikalen Veränderungen auch in den exotischen „Weiten“ der Sowjetunion zu illustrieren. Breiten Raum nimmt die Darstellung der beiden zu verbindenden Räume ein: das an Kirgisien grenzende südliche Kasachstan, als große, noch zu entwickelnde Baumwollregion, und das nördliche Kasachstan, von dem aus durch den Bahnanschluss Getreide, Holz und Wolle aus Sibirien leichter zugänglich werden. Besonders aber rückt der Film die Menschen ins Bild, für die sich durch den Eisenbahnanschluss das Leben und die Arbeitsmöglichkeiten radikal verändern. Die Zwischentitel, die in Filmkritiken immer wieder als poetisch und sich nahtlos in die Narration einfügend gelobt wurden, machen dies deutlich, etwa: „Die Natur ist hartnäckig, aber noch hartnäckiger ist der Mensch. / Aus den entferntesten Winkeln des freien Nomadenlandes ziehen sie herbei um zu sehen, alles zu sehen. / Die erste (Lok) zog sie in ihren Bann, die nie gesehene Maschine.“ Filmszenen wie das Wettrennen der Bahn auf der fertigen Strecke mit den Kamelreitern aus der Steppe prägen sich unvergesslich ein. Aber auch Jurtensiedlungen, traditionelle Trachten und vor allem gestählte nackte Arbeiterkörper, wie sie in diversen „Aufbau“−Filmen zu sehen sind, dürfen nicht fehlen. „Wer nicht völlig stumpf war, mußte aufhorchen, angesichts dieses siegreichen Kampfes gegen die Naturkräfte, der der Menschen zusammenschweißte und vorwärtsstieß, dessen Antrieb weder die Peitsche des Aufsehers war, noch die Angst vor dem Hunger, noch die Hoffnung auf Profit, sondern eine bis dahin in der Geschichte der menschlichen Arbeit unbekannte Kraft.“ So schrieb Anna Seghers begeistert nach ihrer Rückkehr von der Sowjetunionreise 1931 (in: Rote Arbeit. Der neue Arbeiter in der Sowjetunion, hrsg. von Jürgen Kuczynski, Berlin 1931).

Anders als im Film am Ende angegeben, wurde der Bau der Turksibstrecke nicht erst 1931, sondern schon im April 1930 vollendet und als große Errungenschaft gefeiert: „Wir stellen das neue Leben auf die Gleise!“ schrieb die Presse bei der Eröffnung. Diesem für die Region epochalen Ereignis kommt der Film nochmal ein halbes Jahr zuvor: Er zeigt den Erfolg und die Bedeutung der Bahnverbindung und die Transformation des archaischen zum Neuen Menschen bereits im Oktober 1929 in den russischen Kinos, Anfang 1930 auch in Deutschland – wo er begeistert aufgenommen wurde: „Turksib eröffnet eine neue Etappe der Filmgestaltung. Es ist der Schritt vom Filmspiel zur Filmwirklichkeit. Vom gestellten Bild über die rekonstruierte Wirklichkeit zur Wirklichkeit der Tatsache und der Tat.“ (Jòzsef Lengyel, „Der sozialistische Aufbau führt Regie“, in: Film und Volk, 1930, Heft 2). TURKSIB ging weit über die damals üblichen Kulturfilme und ethnografischen Reisefilme hinaus. Er und sollte bald darauf in den engagierten sowjetischen Dokumentarfilmen wie DSCHIM SCHWANTE (auch: Sol Swanetii; Das Salz Swanetiens, Michail Kalatosow 1930), Drugaja Schisn (Das andere Leben, Juri Scheljabuschski, 1930, über Aserbaidschan) oder Dwa Okeana (Zwei Ozeane, Wladimir Schnejderow, 1933, zur erstmaligen Befahrung der Nordost-Route durchs Eismeer) seine Fortsetzung finden. TURKSIB erweiterte die von Wertow entwickelte Form des emotionalen Dokumentarfilms zu einem „filmischen Statement von neuem sozialem Optimismus“, so Sergej Kapterew im Pordenone-Katalog 2013. „Die Bilder der ökonomischen Prozesse, der wilden und nur schwer zu ‚bezwingenden‘ Landschaft und des archaischen Lebensstils ihrer Bewohner formten sich zu einem Lobgesang der Herkulesaufgabe, mit der die Gesellschaft und die Natur transformiert wurden. Und zwar durch ein Kollektiv von Individuen, die zu den Idealen der sozialen Revolution umerzogen werden.“

Der Regisseur Wiktor Turin war mit Auslandserfahrung und als Reemigrant ein seltener Fall innerhalb der neuen Generation junger sowjetischer Filmschaffender. Er wurde 1895 in Sankt Petersburg geboren, studierte am M.I.T. in den USA und arbeitete ab 1916 in der Drehbuchabteilung von Vitagraph in Hollywood. 1921 kehrte er zurück und ging in die Ukraine, wo er vor TURKSIB drei Filme realisieren konnte, danach aber nur noch einen weiteren, bis zu seinem frühen Tod 1945. TURKSIB wurde sein experimentellster und bekanntester Film. Gedreht hat Turin ihn für die 1928 gegründete Organisation Wostokkino. Sie sollte das Filmwesen in den südlichen und mittelasiatischen Regionen der Russischen Sowjetrepublik fördern, zu der der Drehort Kasachstan bis 1936 gehörte. Wostokkino wurden 1930 nach der faktischen Liquidierung der ukrainischen Studios WUFKU und Ukrainfilm auch alle ukrainischen Filme ab 1929/30 zugeschrieben.

TURKSIB hatte nach den bewunderten Experimenten Robert Flahertys, Walter Ruttmanns und Dsiga Wertows in den 1920er Jahren dem künstlerischen Dokumentarfilm mit zum Durchbruch verholfen. John Grierson, der die englische Fassung 1930 in Großbritannien herausbrachte, und Basil Wright etwa haben die große Bedeutung für die britische soziale Dokumentarfilmbewegung und ihren Film NIGHT MAIL (1936) betont. Vor allem wegen der dynamischen Kamera und Montage, aber auch wegen seiner klaren politisch-sozialen Botschaft einer neuen Epoche und eines Neuen Menschen zum Kanon der wichtigsten Dokumentarfilme der Weltkinematografie gerechnet.

Credits
Herausgeber: Rainer Rother, Alexander Schwarz
Musik: Richard Siedhoff
Regie: Wiktor Turin

Produktionsland: UdSSR
Produktionsjahr: 1929
aod
lieferbar


Best. Nr.: 5616
ISBN: 978-3-8488-5616-9
EAN: 978-3-8488-5616-9
FSK: Info

Originaltitel:
Turksib (Stalnoi put)


Länge: 71
Bild: S/W
Sprache: Russisch
Untertitel: deutsche Untertitel

Label: absolut MEDIEN
Reihe: absolut on demand


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