Filmarchiv | Baukunst 7

Baukunst 7


Mies van der Rohe, Dominique Perrault, Henri Labrouste, Auguste Perret, Enric Miralles und Carme Pinós, François Mansart Regie: Richard Copans, Stan Neumann

Sechs weitere Bauwerke, sechs große Architekten, zahlreiche Pläne und 3D-Animationen: Auch in der siebenten DVD zur ARTE-Baukunst-Reihe werden herausragende Bauwerke der Vergangenheit und Gegenwart intelligent und spannend aufgeschlüsselt. Diesmal:

Der Deutsche Pavillon der Weltausstellung 1929 in Barcelona sollte die Weimarer Republik repräsentieren. Mies van der Rohe schuf mit seinem filigranen minimalistischen Bau eine der Architekturikonen des 20. Jahrhunderts.

Mit dem Campus Valley der Frauen-Universität Ewha in Seoul setzte Dominique Perrault 2008 eines seiner bevorzugten Themen um: das Verschwinden der Architektur. Das Gebäude wird unter der Erde versteckt, das Augenmerk liegt auf der Gestaltung der urbanen Landschaft, nicht auf der Konstruktion.

Die Bibliothek Sainte-Geneviève in Paris löst sich deutlich vom Historismus des 19. Jahrhunderts. Die von Henri Labrouste 1851 fertiggestellte Gusseisen-Konstruktion ist ein frühes Beispiel der Eisenbaukunst – und zugleich ein Meilenstein auf dem Weg zur modernen Architektur.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stellte sich Auguste Perret der Herausforderung, eine neue Kirche zu bauen. Seine revolutionäre Antwort auf Zerstörung und Materialknappheit: Mit der Kirche Notre-Dame du Raincy errichtete er 1922–23 den ersten Sakralbau Europas, der komplett aus Stahlbeton besteht und damit das bislang ungeliebte Material ›heiligt‹.

In Spanien werden die Toten nicht beerdigt, sondern in übereinander gestapelten nischenartigen Grüften verwahrt. Die erstaunliche Friedhofsanlage von Igualada, zu Beginn der 1990er Jahre von Enric Miralles und Carme Pinós entworfen, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie moderne Architektur mit der Landschaft verschmelzen kann.

Das von 1642–1648 durch François Mansart erbaute Schloss von Maisons-Laffitte gilt als architektonische Revolution. Dieses Meisterwerk des klassizistischen Barocks wurde zum Vorbild für zahlreiche Architekten auf der ganzen Welt.

Baukunst 7
Der Deutsche Pavillon in Barcelona
Die Frauen-Universität in Seoul
Die Pariser Bibliothek Sainte-Geneviève
Die Kirche Notre-Dame du Raincy
Der Friedhof von Igualada
Das Barockschloss von Maisons-Laffitte

Der deutsche Barcelona-Pavillon
Architekt: Ludwig Mies van der Rohe / Baujahr: 1929
Der Deutsche Pavillon der Weltausstellung 1929 in Barcelona hat Maßstäbe gesetzt. Er sollte das damalige Deutschland, seine Taten, sein Wesen und seine Suche nach Klarheit und Integrität widerspiegeln. Dem Architekten Mies van der Rohe ist dies auf eine einzigartige Weise gelungen: Er schuf ein Werk, das nicht nur das Ausstellungswahrzeichen, sondern auch stilbildend für die moderne Architektur wurde.
Noch nie hat ein Gebäude von relativ geringem Ausmaß eine so ungeheure Berühmtheit erlangt wie Mies van der Rohes Deutscher Pavillon auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona. Dem offiziellen Antrag zufolge sollte der Pavillon die Selbstdarstellung der Weimarer Republik mit ihren Taten, Fähigkeiten und Zielen sein. Diesem Anspruch scheint Mies van der Rohe gerecht geworden zu sein: Sein Werk wurde als die Öffnung der Weimarer Republik zu technischen und kulturellen Innovationen aufgefasst.
Seine erstaunliche Gleichsetzung von Größe und Zweckfreiheit, die Verachtung der schlichten Nützlichkeit von Bauwerken nahmen zudem Einfluss auf die Baukunst des 20. Jahrhunderts: Das Werk van der Rohes symbolisiert gewissermaßen die reine Architektur und gilt als prägender Vertreter der deutschen avantgardistischen Architekturströmungen. So markieren zum Beispiel die Wände und Böden nur mögliche Grenzen und wirken strukturgebend, sie umschließen die Räume aber nicht. Der Barcelona-Pavillon gilt als einer der Höhepunkte der Karriere von Mies van der Rohe, der einer der bedeutendsten Vertreter der modernen Architektur ist. 1986 wurde das Gebäude am Originalstandort wieder aufgebaut.
Die Dokumentation analysiert die einmalige Konstruktion und erklärt das Spiel mit Wänden, Pfeilern und Wasserbecken, die im Zusammenwirken ihre Bedeutung erlangen – ein offenes Labyrinth aus Marmor, Glas und Chrom.

Die Frauen-Universität in Seoul
Seoul: Großstadtgewimmel, Hochhäuser – eine typisch asiatische Millionenstadt. An einer Straßenmündung fällt der Blick auf eine großzügige Esplanade, eingerahmt von gleichmäßig ansteigenden, begrünten Hügeln, flankiert von Gebäuden aus verschiedenen Bauzeiten. Hier, mitten in Seoul liegt die EWHA Womans University, ein Symbol für die typische Mischung aus Tradition und Hypermoderne, die das Bild der südkoreanischen Hauptstadt prägt. Die EWHA Womans University wurde 1886 von einer amerikanischen Missionarin gegründet und ist mit über 20.000 Studentinnen die größte Frauenuniversität der Welt. 2002 schrieb die Universität einen internationalen Architektenwettbewerb für den Bau eines neuen Gebäudes – oder vielmehr eines neuen Geländes – aus. Ein komplexes Programm für eine Fläche von insgesamt 70.000 Quadratmetern, auf der ein Studienbereich (Seminarräume, Hörsäle und Bibliotheken), ein Verwaltungsbereich und ein kommerzieller Bereich (für zum Beispiel Theater, Kino, Cafeteria, Geschäfte) Platz finden sollten. All diese Räumlichkeiten sind nun quasi unterirdisch in den beiden Flanken einer riesigen Schneise untergebracht. Die begrünte Oberfläche passt sich dem natürlichen Gefälle und der Vegetation des Geländes an. Die beiden Spiegelfassaden wirken wie hohe Glasklippen. Dominique Perrault, Architekt der Französischen Nationalbibliothek BNF und des Velodroms sowie der Spring- und Sprunghalle im Europasportpark Berlin, setzte mit der EWHA ein Konzept um, das ihm sehr am Herzen liegt: das Verschwinden der Architektur. Die stadtplanerische Dimension und die Organisation eines Geländes werden wichtiger als das Gebäude an sich, die Landschaft wird wichtiger als die Architektur.

Die Pariser Bibliothek Sainte-Geneviève
Diese Folge der Reihe „Baukunst“ widmet sich der in den Jahren 1843 bis 1850 unter der Leitung von Henri Labrouste entstandenen Pariser Bibiliothek Sainte-Geneviève, die nach Meinung des Architekten Le Corbusier als Auftakt der modernen Architektur gilt. Die Bibliothek Sainte-Geneviève befindet sich am Place du Panthéon in Paris, unweit der Sorbonne. Sie ist ein Meilenstein der Bibliotheksarchitektur. Dieses großartige Beispiel früher Eisenbaukunst wurde in den Jahren 1843 bis 1850 unter der Leitung von Henri Labrouste errichtet. Am selben Ort befand sich zuvor eine Klosterbibliothek, die dem Publikum bereits vor der Französischen Revolution ihre Pforten öffnete und damit erst das Konzept der öffentlichen Bibliothek begründete. 1930 erhielt die Bibliothek Sainte-Geneviève den Status der Universitätsbibliothek. Labroustes Entwurf mit der Fassade im italienischen Renaissancestil brach bewusst mit dem im 19. Jahrhundert in Europa vorherrschenden neoklassischen Stil. Außerdem wurde die Eisenkonstruktion, bis dahin nur bei Brücken und Bahnhöfen angewandt, bei der Bibliothek Sainte-Geneviève im Innern des Gebäudes sowohl funktional als auch als sichtbares ästhetisches Gestaltungsmittel genutzt. Damit beeindruckte Labrouste, der auch den Umbau der Bibliothèque Nationale entwarf, seine Zeitgenossen. Le Corbusier, einer der bedeutenden und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, bezeichnete das Bauwerk als den ersten Schritt auf dem Weg zur “modernen Architektur”.

Die Kirche Notre-Dame du Raincy
Diese Folge widmet sich der kurz nach dem Ersten Weltkrieg errichteten Kirche Notre-Dame du Raincy. Zu Zeiten von Geldnot und Mangel an Materialien erbaut, steht die auch die „Heilige Kapelle aus Stahlbeton“ genannte Kirche Notre-Dame du Raincy heute für die herausragenden plastischen und baulichen Möglichkeiten des Baustoffs Beton. Kaum war der Erste Weltkrieg beendet, beschloss der Pfarrer von Le Raincy, eine neue Kirche bauen zu lassen. Aber das Land war zerstört und die Kirchenkassen waren leer. Für den Architekten Auguste Perret stellten die Dringlichkeit des Vorhabens und die knappen Mittel eine doppelte Herausforderung dar. Schnell und billig bauen bedeutete damals: Stahlbeton. Dieser unbeliebte Baustoff wurde vor allem für Industriebauten verwendet. Die in nur 13 Monaten errichtete Kirche veranschaulicht auf wunderbare Art die plastischen und baulichen Möglichkeiten dieses Materials. Die Kirche ist die großartige Leistung eines zeitweise in Vergessenheit geratenen Architekten, der als Vorreiter der modernen Architektursprache gilt.

Der Friedhof von Igualada
Die aktuelle Folge widmet sich dem Friedhof von Igualada, der von den Architekten Enric Miralles und Carme Pinós entworfen wurde. Ihr Konzept integriert die Gräber in eine parkähnliche Anlage. Rund 70 Kilometer nordwestlich von Barcelona liegt hinter dem Sandsteingebirge Montserrat die alte Gerberstadt Igualada. Hier werden, wie in ganz Spanien, die Toten nicht beerdigt, sondern in nischenartigen Gruften mit drei bis vier Stockwerken übereinandergestapelt. Bereits Ende der 70er Jahre konnte auf dem alten Friedhof im Stadtzentrum aus Platzmangel niemand mehr bestattet werden. Klösterliche Stille und strenge Ordnung herrschten in dem hübschen, zypressenbepflanzten Park, dessen Gruftreihen von einem schattenspendenden Chorumgang geschützt waren. Die Stadt und die Nachbargemeinden planten einen gemeinsamen Friedhof, doch das Projekt wurde schnell aufgegeben. Niemand konnte sich vorstellen, anderswo als in der Nähe, auf dem Gebiet der eigenen Stadt oder Gemeinde beigesetzt zu werden. Aber freies Bauland war keines zu finden. Nur im Norden, von einem Fluss eingerahmt, am Fuße der Hügel gelegen, durch die die zukünftige Autobahn führen sollte, war noch Platz. Diesen protzig “Industriepolygon” genannten Raum wollte keiner haben. Dort sollte der neue Friedhof von den Architekten Enric Miralles und Carme Pinós angelegt werden, beschloss die Gemeindeverwaltung. Es entstanden 240 Grüfte, eine Kapelle, ein Obduktionsraum und Technikräume. Schluchten wurden gegraben, steinerne Felsklippen errichtet und ein Erdhügel aufgeschüttet. Das erd-, gras- und strauchbedeckte Dach der Kapelle geht optisch beinahe in den benachbarten Hügel über. Die Betonteile haben sich in die Landschaft eingefügt, in der die Flussschleife, die Steilhänge in der Ferne, das ursprüngliche Gelände mit seinen Verwerfungen und die Grabzeilen ein Ganzes bilden. Im Gegensatz zum alten Friedhof mit seiner rechtwinkligen Anlage und seiner gebändigten Natur spürt man, dass der neue Friedhof mit der Natur verschmelzen soll.

Das Schloß Maisons
Architekt: François Mansart
Das im klassizistischen Barock erbaute Schloss Maisons-Laffitte gilt als eine architektonische Revolution. Das Meisterwerk des genialen Architekten François Mansart ist aufgrund seiner Vorbildwirkung für spätere Bauwerke ein Prototyp, der viel über Baukunst lehrt.
Über der Seine erhebt sich das Schloss von Maisons-Laffitte, das Mitte des 17. Jahrhunderts von François Mansart erbaut wurde, mit seinen sanft geneigten französischen Gärten. Es besteht aus einem Mittelkorpus und zwei Seitenflügeln – eine später vielkopierte Symmetrie, die unter anderem auch beim Pariser Rathaus und seinen Ablegern in den verschiedenen Arrondissements anzutreffen ist.
Das Schloss Maisons-Laffitte, das als das Meisterwerk von François Mansart gilt, sollte ein Ort der Zerstreuung werden. An einer Krümmung der Seine im Department Yvelines gelegen, mit Blick auf den königlichen Wald von Saint-Germain-en-Laye, empfängt das Schloss seine Besucher mit ausgebreiteten Armen. Ganz anders als die üblicherweise mit der Bezeichnung “Schloss” assoziierten Bauten des Mittelalters ist die Anlage das Ergebnis eines langen Wandlungsprozesses, welches das höfische Leben und dessen Anforderungen in der Renaissance in den Mittelpunkt rückte – eine Entwicklung, die in der Renaissance bei vielen Schlössern ähnlich verlief. François Mansart erfindet mit Maisons-Laffitte dann einen neuartigen Typus: Er spielt mit den Merkmalen des mittelalterlichen Erbes, wie den Gräben rund um die Plattform und der Erinnerung an Wachbastionen, Zugbrücke und Bergfried, und verbindet das Konzept des Schlosses mit dem des Ortes der Zerstreuung.
Im Inneren des Schlosses lehnte Mansart gemalten Schmuck ab, so dass das Wechselspiel von Form und Raum zur Geltung kommen konnte und duldete gerade einmal bauplastische Verzierungen als Dekoration seiner Architektur. Leider wurde die intelligent durchdachte Belle Etage nur eine einzige Nacht lang von König Ludwig XIV. besucht.
Als Bauwerk war das Schloss zu seiner Entstehungszeit ein Prototyp: Zahllose französische Verwaltungsgebäude des 19. Jahrhunderts sind von der Bauweise des Schlosses Maisons-Laffitte inspiriert.

Inhaltsübersicht

Der Deutsche Pavillon in Barcelona
Die Frauen-Universität in Seoul
Die Pariser Bibliothek Sainte-Geneviève
Die Kirche Notre-Dame du Raincy
Der Friedhof von Igualada
Das Barockschloss von Maisons-Laffitte

Credits
Architekten: Ludwig Mies van der Rohe, Dominique Perrault, Henri Labrouste, Auguste Perret, Enric Miralles, Carme Pinós, François Mansart
Regie: Richard Copans, Stan Neumann

Produktionsland: F
Produktionsjahr: 2008-2010
Pressestimmen

»Es sind Baumeister und ihre Welten, Visionen, die hier zu Wort kommen« – MDR Figaro

»Auch die vorhergehenden Folgen springen: von Barock zu Jugendstil, von Sparkassenbau zu Kathedrale, von Europa nach Asien.
Das mag irritieren und ist doch so schlüssig: Architektur, so macht uns diese Reihe aufmerksam, folgt keiner linearen Evolution. Es gibt zwar verstreute rote Fäden, neue Techniken, wegweisende Ideen – doch am Ende steht eben alles nebeneinander, in Resonanz, das eine erst durch das andere ein bisschen besser zu verstehen.« – MDR Figaro

DVD
nicht mehr lieferbar

Best. Nr.: 472
ISBN: 978-3-89848-472-5
EAN: 978-3-89848-472-5
FSK: Infoprogramm

Länge: 156
Bild: NTSC, Farbe, 16:9
Ton: Dolby 2.0
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Edition: ARTE EDITION
Reihe: Baukunst, Architektur
Rubrik: Dokument


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