Film | Das Blumenwunder

Das Blumenwunder

Das Blumenwunder ist ein seinerzeit emphatisch rezipierter Zeitrafferfilm, der Pflanzenbewegungen sichtbar macht. Das Basismaterial wurde bei der BASF zu Werbezwecken für ihren Dünger aufgenommen.

Die Dreharbeiten zogen sich über 4 Jahre hin, nämlich von 1921 – 1925. Zu diesen Einzelbildaufnahmen hat die Unterrichts-Film-Gesellschaft allegorische Szenen und eine Tanzeinlage hinzugefügt und das Ganze als Kulturfilm herausgebracht. Die Uraufführung fand im am 25.2.1926 im Piccadilly in Berlin statt.

Der Film bekam bei seiner Uraufführung hervorragende Kritiken, z.B. von Rudolf Arnheim: “der aufregendste, phantastischste und schönste Film. der je gedreht wurde” (Film als Kunst, Berlin 1932, S. 137).

Für die Tanzszenen werden verschiedene Mitwirkende erwähnt wie Maria Solveg (Flora) sowie im Tanzensemble Elisabeth Grube, Daisy Spieß, Stefa Kraljewa, Max Terpis, Herbert Haskel und Tänzerinnen der Staatsoper Berlin. Für die Ausführung wird Renate Wangenheim genannt, wobei nicht klar ist, ob sich diese Angabe auf den Film oder die Tanzeinlagen bezieht, da sie direkt nach den Kostümentwürfen von Edith Glück genannt wird.

Die Zensurlänge des Films betrug 1755 m = 77 min bei 20 fps; die im Bundesarchiv-Filmarchiv vorhandene Kopie hat 1664 m. Eine Schmalfilmfassung des Films mit 119 m wurde 1931 und 1935 von der IG Farben AG Frankfurt bei der Zensur genehmigt. Zwei zeitgenössische Artikel geben wertvolle Hinweise auf die Originalgestalt des Films, bei dem heute ca 5 Minuten fehlen: “Das Blumenwunder” in Filmkurier Nr. 49, 26.2.1926 und “Das Blumenwunder im Marmorhaus” in: Filmkurier Nr. 150, 30.6.1926.

Die zum Film komponierte Musik von Eduard Künneke ist im Archiv der Akademie der Küste, Berlin, erhalten. Der Dirigent Frank Strobel richtete die überlieferte Musikfassung (Kammerensemble) auf die Filmkopie ein, unter seiner Leitung spielte das WDR Funkhausorchester ein.

Das Blumenwunder von 1926 gilt heute als ein wieder entdecktes Kleinod der Stummfilmgeschichte. In den 1920er Jahren hatte der Film sowohl beim großen Publikum wie auch bei Künstlern und Intellektuellen außerordentlichen Erfolg.

“Man sieht die Pflanzen atmen, wachsen und sterben. Der natürliche Eindruck, die Pflanze sei unbeseelt, verschwindet vollständig. Man schaut die ganze Dramatik des Lebens – die unerhörten Anstrengungen.”, schreibt Max Scheler.

Ebenso begeistert reagierten Autoren wie Alfred Döblin, Oskar Lörke und Theodor Lessing auf die Dramatisierung des Pflanzenlebens durch die Kamera. Für Walter Benjamin zischte gar „ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“

Das Blumenwunder basiert auf Zeitrafferaufnahmen von Pflanzenbewegungen. Sie wurden zu Werbezwecken auf dem Versuchsgelände der BASF aufgenommen. Die Unterrichts-Filmgesellschaft fügte Tanzeinlagen und allegorische Szenen hinzu. Zu sehen ist Maria Solveig als Flora und das Tanzensemble der deutschen Staatsoper unter Max Terpis.

Die speziell zum Film komponierte Musik von Eduard Künneke konnte auf Grund von Archivmaterial und einem wieder aufgefundenen Klavierauszug von Frank Strobel rekonstruiert und für die Bildfolgen synchronisiert werden.

Hintergrund zu den Mitwirkenden
MAX TERPIS (TÄNZERISCHE LEITUNG)
Der Schweizer Tänzer und Choreograph Max Terpis (eigtl. Max Pfister) wurde am 01. März 1889 geboren. Nachdem er ab 1922 seine Tanzausbildung in der Laban-Schule von Suzanne Perrottet und Mary Wigman in Zürich genossen hatte, war er von 1923 bis 1924 Solotänzer und Ballettmeister an den Städtischen Bühnen Hannover sowie ab 1924 Ballettmeister an der Berliner Staatsoper. Dort wurde er 1930 von Rudolf von Laban abgelöst. Vor allem während seiner Zeit in Berlin arbeitete er erfolgreich an einer Verknüpfung von klassischem Ballett mit dem Ausdruckstanz und war so maßgeblich an einer Modernisierung und stilistischen Öffnung des Berliner Staatsballetts beteiligt. In Berlin leitete Terpis bis 1939 eine eigene Tanzschule und war nach seiner Rückkehr in die Schweiz als Regisseur und Choreograph in Basel, Bern und Mailand tätig. Zwischen 1945 und 1952 erhielt er zudem Lehraufträge für Choreographie und Regie an den Universitäten Zürich und Bern. Max Terpis starb am 18. März 1958 in Zollikon in der Schweiz.

DAISY SPIES (HYAZINTHE)
Die am 20. Dezember 1905 in Moskau geborene Daisy Margarete Spies verkehrte bereits von frühester Kindheit an mit ihrer Familie in künstlerischen Kreisen, wo sie mit prominenten Künstlern und Musikern, wie Sergej Rachmaninow, zusammentraf. Auf Vorschlag ihres Bruders Walter Spies wurde Daisy Spies Schülerin bei Toni Freeden und Mary Wigman. Als Tanzpädagogin und Choreographin war sie später selbst an der Wigmannschule und der Akademie der Künste in Berlin und Hamburg sowie als Ballettchefin und Choreographin in Weimar, Leipzig, an der Deutschen Staatsoper Berlin, im Berliner Friedrichspalast, am Hamburger Operettenhaus und im Landestheater Linz tätig. Ab 1924 war Spies Primaballerina unter Max Terpis und Rudolf von Laban am Berliner Staatsballett sowie 1926 als Tänzerin am Triadischen Ballett Oscar Schlemmers in Donaueschingen beteiligt. Ab 1934 übernahm sie zusammen mit ihrem Bruder Leo Spies die Leitung der Charlottenburger Oper als Erste Solotänzerin und Ballettmeisterin. Ursprünglich geprägt von Mary Wigmans und Rudolf von Labans Formen des Ausdruckstanzes und später von Victor Gsovsky an das klassische Ballett herangeführt, entwickelte sie eine moderne Variante des klassischen Tanzes zu ihrem Tanzstil und galt damit als die letzte Vertreterin des deutschen künstlerischen Tanzes der 1920er Jahre. Daisy Spies starb am 04. September 2000 in Berlin.

MARIA SOLVEG (FLORA)
Geboren am 14. Juli 1907 in Niederschönhausen, brach Maria Matray – Nichte von Käthe Kollwitz – die Schule 1921 zugunsten einer künstlerischen Laufbahn ab und ging unter der Leitung Ernst Matrays und ihrem Künstlernamen Maria Solveg als Tänzerin auf Tournee. Neben ihrer Tätigkeit als Tänzerin wurde sie auch immer öfter vor allem an Berliner Theatern für Sprech- sowie mehrere Filmrollen engagiert und vertrat dabei während der 1920er Jahre den Typ des kecken, püppchenhaften Mädchens. 1934 emigrierte Solveg mit ihrem Mann Ernst Matray in die USA, wo sie bei Revue-Tourneen tanzte sowie als Regie- und Produktionsassistentin für Max Reinhardt arbeitete. Zudem war sie bei mehreren Filmen gemeinsam mit ihrem Mann für die Choreographie von Tanzeinlagen verantwortlich und schrieb sowohl zahlreiche Drehbücher sowie einen Roman. Diese Tätigkeit führte sie, zurück in Deutschland, ab 1953 weiter; vor allem mit Answald Krüger erarbeitete sie mehrere Theaterstücke, Romane und Drehbücher. In den 1960er Jahren produzierten sie gemeinsam vor allem Fernsehdokumentationen für das ZDF. Maria Solveg starb am 30. Oktober 1993 in München.

Quellen:
Filmportal (04.10.11)
Internetseite des Projekts „Lebensreform in der Schweiz“, Eintrag zu Max Terpis (04.10.11)
Offizielle Internetseite der Berliner Staatsoper (04.10.11)
Pellaton, Ursula (2011): Eintrag zu Max Terpis, in: Historisches Lexikon der Schweiz (04.10.11)
Private biographische Sammlung deutscher und internationaler Filmschauspieler (04.10.11)
Wikipedia-Artikel zu Maria Matray und Daisy Spies (04.10.11)

Filmographie Elisabeth Grube
1920 Weib
1921 Der Tanz um Liebe und Glück
1922-25 Das Blumenwunder
2002 Der Befehl (Ton)

Filmographie Edith Glück (Kostüme):
1922-25 Das Blumenwunder
1927 Doña Juana
1928/29 Diane – Die Geschichte einer Pariserin
1929 Die Liebe der Brüder Rott. Irrlichter
1930 Zwei Welten

Quelle: www.filmportal.de (04.10.11)

Extras

Zur Breslauer Uraufführung des Films
SO WURDE DIE URAUFFÜHRUNG DAMALS ANGEKÜNDIGT!

In den Konzerthäuslichkeiten in Breslau, Gartenstr. 39/41 ab Freitag, den 4. Juni 1926, täglich 5 Uhr nachm., Sonntags 3 ½ Uhr, letzte Vorstellung täglich 8 ½ Uhr.

Die Bildstelle des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht in Berlin hat „das Blumenwunder“ als Lehrfilm anerkannt, seinen volksbildenden Charakter bestätigt und ihn als geeignet bezeichnet zur Aufführung vor Schulen aller Art, bei Elternabenden, in Volksbildungsvereinen u.s.w.

Kurze Inhaltsangabe

1. Teil: Kinder pflücken Blüten achtlos im Spiel. Flora, die Schützerin der Blumen, trauernd um die vernichtete Schönheit, erklärt den Kindern, daß auch die Pflanzen Schöpfungen Gottes sind, die entstehen, blühen, leiden und vergehen. Sie will
„das Blumenwunder“
vor den Augen der Kinder erstehen lassen.

2. Teil: Die grundsätzlichen Lebensvorgänge der Pflanze werden gezeigt: das rhythmische Auf und Nieder der Blätter, das Streben der Wurzeln nach unten, der sprossenden Pflanze nach oben zum Licht, die gewaltige Kraft des Keims, die zweckmäßigen Eigenbewegungen der Pflanzen, die ein bewußtes Leben, Handeln u. Kämpfen dartun.

3. bis 5. Teil: In hinreißend schönen und erschütternden Bildern wird das Entstehen, Blühen, Fruchttragen und Sterben der Pflanze gezeigt (im 3. Teil) an Gurken, Apfelblüte, Flieder, Maiglöckchen, Hyazinthe, Ritterspron, Strelitzia, Alpenveilchen, Chrysantheme, Orchidee, (im 4. Teil) Magnolie, Olivia, Gladiole, Pantoffelblume, Lilie, Schwertlilie, Etagenpriemel, Sonnenblume, Mohn, (im 5. Teil) Tigerlilie, Hortensie, Azalie, Calla, Kürbis, Pelargonie, Pfingstrose, Rosen und Kakteen.

Credits

Produktion: BASF und Unterrichtsfilm GmbH
Produktionsland: D
Produktionsjahr: 1922 - 1925
Pressestimmen

„Der Film hat das Publikum in eine Art Rausch versetzt, in dem die Erkenntnis- und Schönheitsfreudigkeit ineinandergriffen.“ Prof. Alfred Kerr, 1926

Die Berliner Presse im Jahr der Uraufführung 1926 über den Film „Das Blumenwunder“
PROF. ALFRED KERR IN DER VOSSISCHEN ZEITUNG
Der Film hat das Publikum in eine Art Rausch versetzt, in dem die Erkenntnis- und Schönheitsfreudigkeit ineinandergriffen. Diese natürliche Sensation ist zugleich eine der allergrößten. Ein ewiges Stück Alltagsleben, dessen köstliches Geheimnis uns täglich umgibt, zeigt sich enthüllt in den Phasen seines Werdens und seines Vergehens. Reizvoll und wundersam offenbaren sich dabei die kämpfenden gesetzmäßigen Triebe der wachsenden und gegen Hindernisse ankämpfenden Organismen …

8 UHR-ABENDBLATT:
… Ein Film läßt uns Blinde, Achtlose wunderbar sehend werden … vermittelt uns einen Einblick in die innersten Geheimnisse der Natur … Ein Weg zu einer neuen Kunst und den letzten Dingen, deren Ausbruch sie ist … wer Augen hat zu sehen, der sehe, der erlebe dieses Wunder!

DEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG:
… Es ist erschütternd zu sehen, wie die Pflanzen streben, gehemmt werden, leiden, verzweifelt sind, der Entfaltung entgegenblühen, um dann müde die Blumenköpfe zum Sterben zu neigen.
Man sieht voll Bewunderung, daß jede Pflanze ihr eigenes Temperament, ihren eigenen Charakter hat: Manche sind melancholisch, andere nervös, andere geradezu lustig und ausgelassen: wieder andere voll stiller Beschaulichkeit oder von fast tragisch anmutender Gedämpftheit in ihren Bewegungen … und noch eins wird deutlich: daß die Pflanze trotz ihrer Blumenaugen blind ist.
Es greift ans Herz zuzuschauen, wie eine Kletterpflanze suchend und tastend ihre Ranken hin- und herschwingt, um einen Halt zu finden. Sehen muß man sie, um zu begreifen, welch ein eigenartiges Wunder die Natur uns verbirgt, indem sie alle diese, manchmal fast gespenstig anmutenden Bewegungsvorgänge auf so lange Zeiträume verteilt, daß sie unserm registrierenden Bewußtsein entgehen …
Die Autoren des Films kamen auf die Idee, die wegen ihrer zeitlichen Ausdehnung sonst nicht erfaßbaren Wachstums¬vorgänge im Filmbild zeitraffend zu komprimieren … Man wünschte sich einen Goethe zum Berichterstatter für diesen Wunderfilm.

M.M. DER MONTAG MORGEN:
Ein Film von unerhörter Schönheit … Man erlebt das Blumenwunder, fühlt das Herz im Takt mit dem Rhythmus der Entfaltungen schlagen und empfindet die Zugehörigkeit dieser Pflanzengestalten zu Tier und Mensch – zum großen Reich beseelter leidender und handelnder Naturwesen …

„BERLINER LOKALANZEIGER“ UND „TAG“:
… unstreitig ein großes künstlerisches Ereignis … in einer Reihe wundervoll abgestimmter, poetischer Bilder wird das Wachstum, Blühen und Hinwelken der verschiedenen Blumen gezeigt.

BERLINER MORGENPOST:
… Ein wirklich großes Wunder … vielleicht die Sensation dieses Jahres. Immer wieder hatte ich den Gedanken: Was würde wohl Goethe, der sich so phantasievoll forschend und deutend mit der Pflanze beschäftigte, gesagt haben, wenn er dieses „Blumenwunder“ gesehen hätte, oder Fechner, der die Seele der Pflanzen entdeckte? …

VORWÄRTS:
Dies war nicht nur ein köstlicher Genuß … nein, darüber hinaus eine Stunde der Andacht und eine Einführung in die großen Geheimnisse und Gesetze des Lebens … Hundertttausenden wird durch diesen Film bewußt werden, wie die Pflanze wächst und den Umkreis ihres Lebens druchschreitet, gefesselt an ihren Standort und doch voll des tiefsten Lebensdranges, der sich in ihren Blüten zu wahren Wunderleistungen entfaltet …

TÄGLICHE RUNDSCHAU:
Dem deutschen Film blieb die Großtat vorbehalten, die Wunder des Werdens und Vergehens der Blumen im Bilde festzuhalten. Wir erleben den Pulsschlag der Pflanze, bewundern andächtig die Allmacht der Natur, die in unerschöpflicher Fülle die wunderbarsten Kunstwerke schuf …

FILMKURIER:
Der Film „Das Blumenwunder“ hat keinen Regisseur und seine Darsteller und sein Dichter war Allmutter Natur … dieses Blumenwunder zeigt in hinreißender Schönheit, in beglückender Lösung nichts als den Rhythmus der Natur, das wird durch diesen Film zum künstlerischen Erlebnis. Darum hat dieses handlungslose Bild seit seiner Uraufführung nicht weniger als 63 ausverkaufte Vorstellungen erlebt.
Mehr als 70 000 Menschen haben ihn bisher mit atemloser Spannung auf sich wirken lassen … Man genießt das Werden und Wachsen, dieses Vergehen und Verwelken, dieses Ranken und Ringen um Licht und Lebenselement, dieses Wiegen und Winden, wie man den Kampf von Sportlern um die Siegespalme, den Trick des Trapezkünstlers, der durch die Luft laufend nach des Partners Hand hascht, mit den Nerven trinkt.
Woher diese unerhört tiefe Wirkung auf Menschen aller Altersstufen, aller Bildungsgrade, aller Gesellschafts-schichten? Darauf gibt es nur eine Antwort: der Rhythmus der Natur – von einem Kamerakünstler ersten Ranges eingefangen – ganz allein ist es, der diese Wirkung hervorbringt.

“Ein dramaturgisch verwegener, filmhistorisch durchaus bemerkkenswerter Film!” Film Dienst

“Ein Juwel der Filmgeschichte blüht 90 Jahre später buchstäblich neu auf und ist zu entdecken!” Kulturtipp

Auszeichnungen

Kunstwissenschaftler Rudolf Arnheim 1932 über “Das Blumenwunder”
Rudolf Arnheim über die damalige Anwendung des neuen Zeitraffer-Effekts:

Beachtet man einen Filmstreifen in einer langsameren Aufeinanderfolge der Bilder, als man ihn nachher vorführt, so wirkt die Zeit bei der Vorführung komprimiert, das Tempo beschleunigt. Diese Zeitraffereffekte hat man angewendet gesehen, wo z.B. das Tempo des modernen Straßenverkehrs stilisierend verstärkt werden sollte: die Autos flitzen durch die Straßen, die Menschen toben in rasenden Schlangenlinien mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Wendigkeit durcheinander, und die Blätter an den Bäumen zappeln in nervöser Hast.
Dieser Trick ist schon hin und wieder von Künstlern benutzt worden, so von B…stein im Kampf um die Erde: da sieht man die entsetzliche Langsamkeit eines Bürobetriebes, und plötzlich schlägt einer auf den Tisch und macht Krach, und nun geht’s wie der Blitz, die Beamten flitzen durch die Räume, Stempel und Unterschriften fliegen aufs Papier, und im Nu ist altes erledigt. [ … ]

Aber auch für ganz andere Dinge kommt der Zeitraffer in Frage. Bei den Aufnahmen zum Blumenwunder-Film der I.G. Farben, der in nichts anderem bestand als in Zeitrafferaufnahmen in Pflanzen und der dabei sicherlich der aufregendste, phantastischste und schönste Film ist, der je gedreht wurde – bei diesen Aufnahmen hat sich. herausgestellt, daß die Pflanzen eine Mimik haben, die wir nicht sehen, weil sie mit zu langsamen Zeiten rechnet, die aber sichtbar wird, wenn man Zeitrafferaufnahmen verwendet.

Die wiegenden, rhythmischen Atmungsbewegungen der Blätter, der erregte Tanz der Blätter um die Blüte, die fast obszön wirkende Hingabe, mit der eine Blüte sich öffnet – die Pflanzen waren plötzlich lebendig geworden und zeigten Ausdrucksbewegungen von genau derselben Art, wie man sie von Menschen und Tieren kennt.

Wie eine emporkletternde Pflanze ängstlich tastend, unsicher, nach Halt sucht, wenn ihre Ranken sich an einem Gitter hochwinden, wie eine welkende Kaktusblüte fast mit einem Seufzer den Kopf neigt und zusammen knickt – es war die unheimliche Entdeckung einer neuen lebendigen Welt in einem Bezirk, aus dem man zwar wußte, daß dort Leben zu Hause sei, es aber niemals ,in Tätigkeit’ hatte sehen dürfen.
Und die Einreihung der Pflanzen in die Welt der lebendigen Wesen war auf einmal anschaulich vollzogen, man sah: es herrschte überall dasselbe Prinzip, dasselbe Verhalten, dieselben Schwierigkeiten, dieselben Ziele.

Rudolf Arnheim: Film als Kunst. 1932. München: Hanser 1974 (Neuausgabe), S. 136 f.

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ISBN: 978-3-8488-3008-4
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Länge: 63
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Untertitel: englische Untertitel
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Reihe: absolut Klassiker
Rubrik: Dokument


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