Film | Shoah

Shoah

Regie: Claude Lanzmann

Der französische Filmemacher Claude Lanzmann legte Mitte der 80er Jahre mit SHOAH eine der radikalsten und umfassendsten Filmarbeiten über die Vernichtung des europäischen Judentums im Nationalsozialismus vor. 12 Jahre Dreharbeiten und Recherche, 350 Stunden Material, 9 1/2 Stunden Film gegen das Vergessen.

Dabei verzichtet dieses epische Großprojekt auf Musik, auch auf jegliche Form des Kommentars und vor allem auf historisches Archivmaterial – auf die Bilder von Massengräbern, Gaskammern, von ausgemergelten Körpern. Im Mittelpunkt stehen nicht die Dokumente der Vergangenheit, sondern die Gegenwärtigkeit des Erinnerns. Lanzmann besuchte die Orte der Vernichtung, die ›Todesfabriken‹ Chelmno, Belzec, Sobibor, Treblinka, Auschwitz und fand Orte vor, über die Gras gewachsen war. Daher die Insistenz, mit der er in Polen, in Israel, in den USA, in Deutschland letzte Augenzeugen der Katastrophe – seltene Überlebende der »Sonderkommandos«, Zuschauer und auch NS-Täter – ausfindig machte und zu Deportation und Lageralltag befragte.

Das Erlebte aber drängt mit aller Kraft ins Vergessen. Es bedurfte eines hohen, psychologisch geschulten Aufwands und einer ausgefeilten Fragetechnik, um die Befragten zum Sprechen zu bringen und ihnen zu entlocken, was nicht bewältigt werden kann. Ohne chronologische Anordnung und bewusst fragmentarisch präsentiert, ergeben die Interviews ein subtil gewobenes Geflecht ineinander verschränkter Perspektiven auf das Unbegreifliche. DIE BEFRAGTEN (in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Film):
Simon Srebnik, auch Shimon Srebrnik (Überlebender der zweiten Vernichtungsphase von Chelmno/Kulmhof) ▪ Michael Podchlebnik, auch Mordechai Podchlebnik (Überlebender der ersten Vernichtungsphase von Chelmno/Kulmhof) ▪ Hanna Zaidl (Tochter von Motke Zaidl) ▪ Motke Zaidl (Überlebender von Wilna/Ponar) ▪ Itzhak Dugin (Überlebender von Wilna/Ponar) ▪ Jan Piwonski (Einwohner von Sobibor, Hilfsweichensteller) ▪ Richard Glazar (Überlebender von Treblinka) ▪ Paula Biren (Überlebende des Ghettos Lodz; Überlebende von Auschwitz) ▪ Pana Pietyra (Einwohnerin von Auschwitz) ▪ Pan Filipowicz (Bewohner von Wlodawa, Zeuge der Deportation der Juden von Wlodawa) ▪ Pan Falborski (Einwohner von Kolo bei Chelmno/Kulmhof, Kfz-Mechaniker) ▪ Abraham Bomba (Friseur in der Gaskammer von Treblinka) ▪ Czeslaw Borowi (Polnischer Bauer aus Treblinka) ▪ Henrik Gawkowski (Polnischer Lokführer in Treblinka) ▪ Rudolf Vrba (Überlebender von Auschwitz, Mitglied der Widerstandsbewegung) ▪ Inge Deutschkron (Deutsche Jüdin; lebte während des gesamten Krieges in Verstecken in Berlin) ▪ Franz Suchomel (SS-Unterscharführer; ab August 1942 Wächter in Treblinka) ▪ Filip Müller (Überlebender der fünf Liquidierungen des »Sonderkommandos« von Auschwitz und Birkenau) ▪ Josef Oberhauser (ehem. SS-Offizier, Fahrer von Globocnik, des Leiters der Aktion Reinhard(t)) ▪ Alfred Spieß (Oberstaatsanwalt, Vertreter der Anklage in beiden Treblinka-Prozessen) ▪ Raul Hilberg (Historiker und bedeutender Holocaust-Forscher) ▪ Franz Schalling (Mitglied der Schutzpolizei Chelmno/Kulmhof – »Schloßkommando«) ▪ Martha Michelsohn (Ehefrau des Nazi-Lehrers von Chelmno/Kulmhof) ▪ Moshe Mordo (Überlebender von Auschwitz) ▪ Armando Aaron (Vorstand der jüdischen Gemeinde von Korfu; Überlebender von Auschwitz) ▪ Walter Stier (ehem. NSDAP-Mitglied und hoher Beamter der Reichsbahn – Generaldirektion der Ostbahn) ▪ Ruth Elias (Überlebende des tschechischen Familienlagers in Auschwitz-Birkenau) ▪ Jan Karski (Legendärer Kurier der polnischen Exilregierung) ▪ Franz Grassler (Stellvertreter des Nazi-Kommisars Auerswald für das Warschauer Ghetto) ▪ Gertrude Schneider (mit ihrer Mutter Charlotte Hirschhorn; Überlebende des Rigaer Ghettos) ▪ Yitzhak Zuckerman (Überlebender des Warschauer Ghettos, Zweiter Befehlshaber der Jüdischen Kampforganisation) ▪ Simha Rotem (Überlebender des Warschauer Ghettos, Mitglied der Jüdischen Kampforganisation)

שואה – Shoah, Schoah, Shoa, Schoa. Hebräisch für: Abgrund, Vernichtung, Dunkelheit, große Katastrophe, Unheil, Untergang – inzwischen auch Synonym für die Massenvernichtung des europäischen Judentums im Nationalsozialismus. Der Begriff wird dem in den USA – auch medial (man denke an die gleichnamige TV-Serie aus den 70ern um die Familie Weiss) – geprägten Begriff des ›Holocaust‹ zunehmend vorgezogen, dessen griechisch-römische Etymologie (gr. holokauston bzw. lat. holocaustum = ›Brandopfer‹)problematische Nähen zu religiösen Opferriten herstellt. Vom Unerhörten sich einen Begriff zu machen, kann aber wohl abschließend nicht gelingen, und so bleibt auch ›Shoah‹ als Begriff, vor allem in seinen Anklängen an Naturkatastrophen, überaus kontrovers.

Extras

PLUS: Booklet – erstmals weltweit mit Kurzbios aller Befragten und zahlreichen Lanzmann-Statements

Inhaltsübersicht

KAPITEL

DVD 1
[1–5] Der singende Junge • [6–9] Wälder des Vergessens • [10–14] Massengräber und Scheiterhaufen • [15–17] Jüdisches Leben und Sterben in Polen • [18–21] Die Deportationen polnischer Juden • [22–24] Treblinka: Transporte und Lageralltag unter den Augen der Polen • [25–28] Treblinka: Ankunft und Ablauf der Transporte • [29–32] Ankunft in Treblinka: In den Waggons • [33–35] Treblinka: Langes Warten vor dem Lager [36–40] Treblinka: Die Transporte mit Juden aus dem Ausland • [41–43] Treblinka, Sobibor, Auschwitz-Birkenau: Die Rampen • [44–47] Treblinka, Auschwitz: Ankunft im Lager, »Sortierung« [48–52] Treblinka, Auschwitz: Die erste Zeit nach der Ankunft • [53–54] Berlin [55–57] Treblinka, Auschwitz: Die Gaskammern

DVD 2
[1–6] Die Maschinerie der Vernichtung • [7–11] Chelmno: Die erste Vernichtungsperiode [12–15] Grabow: Erinnerungen der Dorfbewohner • [16–19] Grabow: Alte Vorurteile der Dorfbewohner • [20–23] Fortsetzung der Gespräche mit den Grabowern • [24–26] Chelmno: Die zweite Vernichtungsperiode • [27–29] Die Gaswagen + Abspann

DVD 3
[1–4] Treblinka: Die letzten Wege • [5–9] Auschwitz-Birkenau • [10–12] »Sonderzüge« und »Sonderkommando« • [13–16] Treblinka, Auschwitz: Widerstandsbewegungen

DVD 4
[1–4] Das tschechische Familienlager in Auschwitz-Birkenau • [5–7] Die Welt muss davon erfahren • [8–12] Das Warschauer Ghetto: Czerniakows Tagebuch • [13–17] Der Selbstmord Adam Czerniakows • [18–21] Der Aufstand im Warschauer Ghetto + Abspann

Credits
Kamera: Dominique Chapuis, Jimmy Glasberg, William Lubchansky
Regie: Claude Lanzmann
Schnitt: Ziva Postec
Schnitt für eine Sequenz: Anna Ruiz
Ton: Bernard Aubouy, Michel Vionnet

Produktion: Les Films Aleph, Historia Films, WDR
Produktionsland: F
Produktionsjahr: 1985
Pressestimmen

»Dem Geschehen, der Selektion an der Rampe von Auschwitz, den Gaskammern und Krematorien, kommt kein Film näher als dieser, der auch die überlebenden Opfer des Terrors zur tabulosen Vergegenwärtigung zwang.« – Weser-Kurier Okt 2013

»Lanzmanns bohrende Fragen, sein Insistieren sind längst berühmt, aber sein Film vergisst bei aller Unfassbarkeit des Geschehenen, der systematischen Vernichtung jüdischer Bürger in den Gaskammern und der Verbrennung der Leichen in den Krematoriumsöfen, nicht die poetischen Momente, die notwendig sind, um neben der Wissensvermittlung auch der Trauer der Überlebenden ihren Platz zu lassen.« – Weser-Kurier Okt 2013

»Wir haben nach dem Krieg unzählige Berichte über die Ghettos, über die Vernichtungslager gelesen; wir waren erschüttert. Doch wenn wir heute Claude Lanzmanns außergewöhnlichen Film sehen, merken wir, dass wir überhaupt nichts gewusst haben.« Simone de Beauvoir

»Das eindrucksvollste, nachwirkendste Zeugnis einer Erinnerungsarbeit, die bisher über System und Praxis der nazistischen ›Endlösung‹ versucht wurde.« Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau

»Beispiellos qualvoll, beispiellos eindringlich … SHOAH dokumentiert Geschichte und – kaum weniger intensiv und schmerzhaft – das Sprechen über Geschichte.« Klaus Kreimeier, epd Film

»Der anspruchsvollste Film, der jemals über die Judenvernichtung gedreht wurde – SHOAH lässt den Zuschauer erstarren, überwältigt ihn, und hinterlässt schließlich – mit unendlicher Zartheit und Behutsamkeit – bei ihm eine Verletzung, eine Narbe. … SHOAH lehrt uns die Bedeutung des Wortes ›untröstlich‹.« Jim Hoberman, The Village Voice

»Lanzmanns große Spurensuche mit Überlebenden, Zeugen und vermeintlichen Statisten des Holocaust. Hier hat das Wort Meilenstein seine Berechtigung.«
- DIE ZEIT

»Auch wenn sich die Perspektiven auf “Shoah” immer komplexer auffächern und es zu weiteren werkinternen Fortschreibungen kommt, bleibt die “definitive” Form des Films davon unberührt. Die darin geleistete Vermittlung von historischem Wissen und Trauerarbeit ist auch filmgeschichtlich singulär: Zeugenschaft trotz allem.«
- taz

»Eine Totenklage aus mehreren, ineinander-fließenden Stimmen … Ein wahres Meisterwerk.« Simone de Beauvoir

»Ich halte SHOAH für die ausnahmslos beste Dokumentation zeitgenössischer Geschichte und bei weitem für den besten Film, den ich je über den Holocaust gesehen habe.« Marcel Ophüls

»Das Filmereignis des Jahrhunderts!«
Washington Post

»Indem Lanzmann nur heutige Landschaften, heutige Gesichter und Stimmen zeigt, evoziert er die Jetztzeit des Grauens, wie dies kein historisierender Dokumentarfilm vermöchte. Seine Respektlosigkeit, sein Sarkasmus und seine Schonungslosigkeit durchlöchern den zähen Schaum der Verdrängung, der auf dem Verbrechen liegt. Mit Takt, Dezenz und Zurückhaltung ist der verlogenen Verdrängung nicht beizukommen.« Der Spiegel

Auszeichnungen

Auszeichnungen weltweit (Auswahl): 1985 The New York Film Critics Circle (NYFCC) Awards, Bester Dokumentarfilm · Los Angeles Film Critics Association (LAFCA) Awards, Besondere Erwähnung · Prix des Arts, des Lettres et des Sciences de la Fondation du Judaïsme français · Prix de la Ligue Internationale Contre le Racisme et l’Antisémitisme · 1986 National Society of Film Critics (NFSC) Awards, Bester Dokumentarfilm · The Boston Society of Film Critics (BSFC), Bester Dokumentarfilm · Filmpreis Rotterdam · British Academy of Film and Television Arts (BAFTA) Awards, Flaherty Dokumentarfilmpreis · Caligari Filmpreis der Berlinale · FIPRESCI-Preis der Berlinale (Forum) · Preis der Internationalen Katholischen Organisation · The Torch of Liberty Award · Christopher Award · Preis des Simon Wiesenthal Centers · Preis der International Documentary Association (IDA) · Ehren-César · 1987 The Peabody Award · Grimme-Preis in Gold · Broadcasting Press Guild Television Awards · Kansas City Film Critics Circle (KCFCC) Award, Bester Dokumentarfilm · 1987/88 Royal Television Society Programme Award · Goldener Ehrenbär 2013 für Claude Lanzmanns Lebenswerk

4 DVDs
lieferbar
€ 75,00


Best. Nr.: 846
ISBN: 978-3-89848-846-4
EAN: 978-3-89848-846-4
FSK: 12
Vertriebsgebiet: D, A, CH

Länge: 566
Bild: PAL, Farbe, 4:3
Ton: Dolby Digital 1.0
Sprache: mehrsprach. Originalfassung (Französisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch)
Untertitel: deutsche, französische, englische, spanische Untertitel
Regionalcode: codefree

Label: absolut MEDIEN
Edition: ARTE EDITION
Rubrik: Dokument


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