Film | Mein liebes Gehirn

Mein liebes Gehirn

Regie: Antonia Lerch

Schauplatz Neurochirurgische Klinik. (Benjamin-Franklin-Universitätsklinikum Berlin)
Angelika F. hat einen mandarinengroßen Hirntumor. Vor der Operation schneidet sie sich eigenhändig die hüftlangen Haare ab und rasiert sich eine Glatze. Dem Pflegepersonal der
Neurochirurgischen Klinik übergibt sie ihr Testament. Sie will im Fall ihres Todes eine
Erd- und keine Feuerbestattung.
Werner S. hat eine Höllenangst vor seiner Gehirnoperation. Er macht sich große Sorgen, daß er nach der Operation nicht mehr der ist, der er war. Aber wie soll er wissen, daß er ein anderer ist, wenn er dann in einer anderen Realität lebt?
Simon F. ist seinen bösartigen Gehirntumor vorläufig losgeworden und hat die Strahlentherapie gut überstanden. Im Fall, daß der Tumor im Kopf wieder wächst und er sich einer Chemotherapie unterziehen muß, will er das nur in seiner Heimat Frankreich tun, im Weinbaugebiet Chably.
Franka S. erzählt von ihrer Mutter, die sie verloren hat, obwohl diese noch lebt.

Höchste Konzentration und Aufmerksamkeit über mehrere Stunden hinweg werden bei einer
Gehirnoperation vom leitenden Neurochirurgen gefordert. Ein falscher Handgriff hat meist für den
Patienten fatale Folgen. Je nachdem in welcher Hirnregion sich der zu entfernende Gehirntumor
oder die Hirnblutung befindet, können zentrale Fähigkeiten in Mitleidenschaft gezogen werden.
Über Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Eingriffs werden die Patienten zwar im Vorfeld
der Operation informiert, doch mit ihren Ängsten bleiben sie meist allein. Eine Frage steht im
Zentrum ihrer Sorgen: “Bin ich nach der Operation noch derselbe, der ich vorher war?” Es ist die
Angst vor dem Verlust ihrer menschlichen Identität, ihres Fühlens, Denkens und Erinnerns.
Sie sind Grenzgänger, die sich auf einem schmalen Grat zwischen dem ihnen vertrauten “Ich” und
einem nicht definierbarem Unbekannten bewegen. Dieser meandrische Gang zwischen Hoffnung
und Furcht ist für alle Beteiligten, auch für die Angehörigen, eine tiefgreifende Schockerfahrung,
von der sie sich auch nach erfolgreichem Operationsverlauf erst langsam wieder erholen.
Die Berliner Dokumentarfilmerin hat vier Patienten und Patientinnen und eine Ärztin auf diesem
Weg begleitet:
Angelika Fienbork (Patientin), Werner Süssmuth-Dähn (Patient), Simon Francois (Mann in Bar),
Franka Schmidt (Frau im Auto) Karin Schmidt (Frau im Rollstuhl); in der Neurochirurgischen Klinik,
Universitätsklinikum Benjamin Franklin, Berlin: Professor Mario Brock (Direktor), Dr. Stefanie
Hammersen (Oberärztin) Jan Vesper (Stationsarzt) Jadranka Valentak (Krankenschwester) und
andere.

Angelika Fienbork, Umschülerin, 39 Jahre alt: “… am Abend vor der Operation habe ich mich hingesetzt, mir ein Blatt Papier genommen und mein Testament verfaßt, weil ich ganz genaue Vorstellungen davon habe, was ich im Fall meines Todes für Verfügungen treffen wollte, z. B. möchte ich eine Erd- und keine Feuerbestattung… “
“alles fing damit an, daß ich meinen linken Arm und mein linkes Bein nicht mehr so bewegen konnte wie früher. Meine Hausärztin schickte mich zum Neurologen. Der packte mich in seine schicke Maschine, ins Kernspinn und hinterher durfte ich mir dann die Diagnose abholen. Die CT-Bilder klemmten schon am Sichtgerät. Der Neurologe hat mir auf sehr trockene und nüchterne Art gesagt, daß ich einen mandarinengroßen Gehirntumor im Kopf habe, der meinem Gehirn nicht mehr genügend Platz lassen würde. Einen Tumor im Kopf zu haben, überhaupt die Vorstellung, daß da so ein Teil in deinem Kopf gewachsen ist, was auf dein Gehirn quetscht und wenn du es nicht rausnehmen läßt, die Folgen dann irgendwann so richtig böse sein können, hat mir gar keine Alternative gelassen, sondern es war klar, ich muß es operieren lassen. Was mich im ersten Moment getroffen hat, war die Vorstellung, ins Krankenhaus zu müssen, Dutzende von Spritzen kriegen zu müssen und daß mein bisher unversehrter Körper auf dem Kopf so eine blöde Narbe kriegen würde.”

Die Krankenschwester Jadranka Valentak, 54 Jahre, arbeitet seit 32 Jahren auf Neurochirurgischen Stationen. Sie weiß aus Erfahrung, daß ein Gehirntumor bleibene Schäden fürs ganze Leben hinterlassen kann, auch wenn er gutartig ist, je nachdem wo er sitzt. Das Familienleben und die Arbeitswelt, also das ganze Leben der Patienten und der Angehörigen ändert sich schlagartig. Sie spricht von vier Phasen, die Patienten mit einem Gehirntumor durchlaufen:
1. Phase, sie sind geschockt und wollen es nicht wahrhaben.
2. Phase, sie sind ganz einfach wütend, agressiv und schimpfen: Warum denn ich?
3. Phase, sie beruhigen sich langsam und weinen.
4. Phase, sie akzeptieren den Gehirntumor fangen an zu kämpfen und wollen weiterleben,
einige allerdings nicht.
“… so z. B. hatte ich einen Patienten, der konnte schlecht sprechen, weil der Tumor beim
Sprachzentrum saß, und der war nur traurig, daß es ihm so dreckig geht. Das war ein riesengroßer Mann, er saß im Bett, ich stand vor dem Bett und irgendwie hat er mir einfach nur den Kopf auf die Brust gelegt und ganz still vor sich hin geweint. Da brauchte man keine vielen Worte sagen, einfach in den Arm nehmen, das war schon Trost genug für ihn. Und das hat ihn auch beruhigt. Und irgendwann mal kommt dann die Phase, wo die Leute anfangen zu akzeptieren, das was sie haben und – je nachdem, wie die Leute von Natur aus sind – auch dagegen richtig zu kämpfen. Wo die sagen: Ich will weiterleben, ich laß mich nicht unterkriegen, ich tue alles, nur um wieder einigermaßen noch mehrere Jahre gut leben zu können…”

Werner Süssmuth-Dähn, Sozialarbeiter im psychiatrischen Dienst, 41 Jahre alt, hat nicht nur eine Höllenangst vor seiner Gehirnoperation, sondern er macht sich große Sorgen, daß er nach der Operation nicht mehr der ist, der er war. Er hat mit seiner Frau und seinem besten Freund eine Vereinbarung getroffen, daß sie ihm nach der Operation sagen sollen, wenn er ein anderer sein sollte. Aber wie soll er wissen, daß er ein anderer ist, wenn er dann in einer anderen Realität lebt?
“… es ist doch ein Eingriff am Gehirn, wenn auch nicht direkt, aber doch eben am Kopf und ich denk mir so: Na, wie wird das wohl werden? Und deswegen hab ich vor diesem Eingriff Angst. Es ist nicht irgendwie so, daß man jetzt einen Tumor am Arm entfernt, man muß den Kopf aufmachen. Und das ist doch eine andere Dimension…”
“… die Fragestellung beschäftigt mich sehr: Bin ich nach der Operation noch derselbe wie vor der Operation. Sollte ich ein “Anderer” sein, merke ich das selber ja nicht. So wie ich es in meinem Beruf kennengelernt habe, demente Patienten mit Wahnvorstellungen, für die ist das ja Realität, die merken ja nicht, daß sie außerhalb der Realität stehen, die wir jetzt haben.

Dr. Stefanie Hammersen, Oberärztin, der Neurochirurgischen Klinik im Benjamin-Franklin-Krankenhaus in Berlin, operiert mehr oder weniger jeden Tag am Gehirn, am Rückenmark. Für sie ist ihre Arbeit auf der einen Seite Routine, aber sie spricht auch von der großen Verantwortung, die sie hat, wenn eine lebensbedrohende Operation vonstatten geht, vom enormen Spiegel an Adrenalin, das Operateure dazu bringt, stundenlang operieren zu können und daß nicht jeder Mensch für diesen Beruf geeignet ist, weil nicht jeder das körperlich und mental durchstehen kann. Sie denkt während der Operation nicht an den Patienten, weil sie sich auf die Operation konzentrieren muß. Sie kann sich nicht darauf einlassen, Mitgefühl zu haben. Da muß sie eine Grenze ziehen.

“… Es ist natürlich aber auch für uns Routine. Aber man muß auch sagen, es ist nicht für jeden Menschen geeignet, hochkonzentriert zu arbeiten. Wenn man Verantwortung hat, wenn eine lebensbedrohende Operation vonstatten geht, dann hat man einen enormen Spiegel an Adrenalin, von dem man erst runterkommt, wenn die Operation beendet ist. Dann kann man auch ohne weiteres stundenlang operieren. Aber nicht jeder ist dafür geeignet, weil er das körperlich und mental nicht durchsteht.”
“… direkt bei der Operation, wenn man den Hautschnitt macht, denkt man nicht mehr an den
Patienten. Man muß sich hochgradig konzentrieren auf jeden einzelnen Schritt, vom Hautschnitt bis zum Eröffnen der Schädeldecke, bis zum Entfernen des Tumors, Schonen des gesunden Hirngewebes, bis zum Schluß, Wiedereinfügen des Knochendeckels, bis zum Wundverschluß. Man denkt nicht an den Patienten, sondern daß man optimale Arbeit leistet, wenn man an wichtigen Zentren ist. Da können Sie sich nicht darauf einlassen, daß sie Mitgefühl haben. Da muß man eine Grenze ziehen.

Simon Francois, Oberkellner, 55 Jahre alt, hat seinen bösartigen Gehirntumor und die anschließende Strahlentherapie gut überstanden und will ein neues Leben anfangen. Im Fall, daß der Tumor im Kopf wieder wächst und er sich einer Chemotherapie unterziehen muß, will er das nur in seiner Heimat Frankreich tun, im Weinbaugebiet Chably. Er beschreibt die Monate vor der Diagnose ‘bösartiger Gehirntumor’, seine Panikangst, und daß er lieber auf einer Insel im Pazifik sterben wolle, als im Krankenhaus. “… meine Kopfschmerzen wurden immer stärker, daß ich jede Woche zwanzig
Aspirintabletten genommen habe. Ich hab schon Angst gehabt und habe mir gedacht: Mensch, was ist mit dir los, Simon? Diese starken Kopfschmerzen sind gar nicht normal. Und die Angst hat sich so kristallisiert, daß ich richtig Panik bekommen habe mit einem Arzt darüber zu sprechen. Das war eine lange Phase, ungefähr sechs Monate lang, bis ich Rückenschmerzen bekommen habe…”
“… dann bin ich gefallen, ich hab kein Bein mehr gehabt, einfach gefallen. Ich hab gedacht: was war mit dir los und bin wieder ganz normal zur Arbeit gegangen. Hab die U-Bahn genommen und alles war wieder gut, außer immer wieder diese Kopfschmerzen…”
“… ich bin total ausgeflippt, hab meinen Job gekündigt, habe Schulden gemacht, ich war gar nicht mehr ich selbst. Ich habe mich um nichts mehr gekümmert, ich war deprimiert, habe meine Freundin ohne richtigen Grund verlassen. Ich war völlig asozial. Ich habe keinen Sinn mehr gesehen, warum sollte ich arbeiten, warum sollte ich aufstehen, warum sollte ich schlafen, warum sollte ich essen. Ich hatte euphorische Phasen und war dann wieder eine ganze Woche deprimiert, daß ich mich hätte umbringen können. Obwohl absolut klar war, daß ich eine schwere Krankheit in mir tragen könnte, habe ich mich nicht getraut zu einem Arzt zu gehen…”
“… ich hatte Panik, allein nur die Diagnose, einfach Angst, wo man denkt, ich gehe einfach auf eine Insel im Pazifik, lieber da sterben, aber bloß nicht im Krankenhaus…”

Franka Schmidt, Krankenschwester, 36 Jahre, erzählt die Geschichte von ihrer Mutter, einer
Grundschullehrerin, die an einem Morgen im Oktober nicht auf ihrer Arbeit erschien. Eine
Aneurismablutung und die anschließende Operation führte dazu, daß die Mutter heute, ein Jahr später, gelähmt und ohne sprechen oder sich anders mitteilen zu können, in einem Pflegeheim lebt.
Franka fragt sich, was im Kopf ihrer Mutter vor sich geht, wieviel sie wahrnimmt, wieviel sie einordnen kann, was sie registriert und was sie denkt. Denkt sie überhaupt was oder auf welchem Niveu denkt sie? In welcher Realität lebt sie?
“… meine Mutter arbeitete seit mehr als 30 Jahren als Grundschullehrerin im Spreewald und war bis dahin immer total zuverlässig, was ihre Arbeit betraf und war an dem betreffenden Morgen einfach nicht in der Schule erschienen. Die Direktorin fuhr bei meiner Mutter zuhause vorbei und traf eine völlig aufgeregte Nachbarin an, die dann erzählte, daß meine Mutter am frühen Morgen, nur mit einem Hemd bekleidet, auf der Straße rumgelaufen wäre und völlig durcheinander war und fremde Wäsche von irgendwelchen Böden dort in der Gegend abnahm und gar nicht mehr so recht wußte, wer sie ist und was sie macht…”
“…als sie im Krankenhaus dann zum Abend hin immer mehr eintrübte, da hat man notfallmäßig doch ein CT gemacht vom Kopf und hat dann eine Riesenblutung im Gehirn festgestellt, auf den Bildern gesehen und meine Mutter war praktisch zu diesem Zeitpunkt schon in einer lebensbedrohlichen Situation. Sie wurde dann mit dem Hubschrauber am nächsten Morgen leider erst in eine Klinik nach Frankfurt/Oder geflogen …”
“… man hat dort festgestellt, daß sie eine Aneurismablutung hatte, Aneurisma ist eine
Aussackung an einem großen Gefäß im Gehirn und dieses Gefäß war geplatzt und meine Mutter hatte massiv in die Stirn geblutet und in der Stirn ist der Bewußtseinsbereich…”
“… sie war einfach nicht mehr der Mensch, den ich kannte. Sie war völlig hilflos, sie lag an Maschinen, sie wurde künstlich ernährt, sie konnte nichts selbst, sie hat, was das Schlimmste ist, bis zum heutigen Zeitpunkt kein Wort mehr gesprochen. Ich hab die Mutter praktisch verloren, also die Mutter als Person gibt es nicht mehr, sie sieht anders aus, sie ist anders, sie verhält sich anders.

Credits
Regie: Antonia Lerch

Produktionsland: D
Produktionsjahr: 2002
aod
noch nicht lieferbar


Best. Nr.: 5585

Länge: 69
Bild: PAL, Farbe, 4:3
Ton: Mono
Sprache: Deutsch

Reihe: absolut on demand


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